Supermassive Games hat einen „Redundancy Consultation Process“ angekündigt, von dem bis zu 75 Mitarbeiter betroffen sein werden. Das Studio nennt den Schritt „notwendig, um die Nachhaltigkeit des Unternehmens zu sichern“ – für die Betroffenen ist es die dritte Entlassungswelle binnen drei Jahren. Dass der CEO das Unternehmen bereits vor wenigen Wochen wortlos verließ und Directive 8020 kommerziell enttäuschte, macht aus einer traurigen Branchenmeldung ein handfestes Bild eines Studios, das sich in Auflösung befindet.
75 Köpfe weniger – und keiner nennt die Gesamtzahl
Die aktuell eingeleitete Konsultationsphase betrifft nach offiziellen Angaben „bis zu 75″ Stellen. Wie viele Mitarbeiter Supermassive Games zum Zeitpunkt der Ankündigung überhaupt noch beschäftigte, sagt das Studio nicht. Branchenquellen bezifferten die Belegschaft 2023 auf rund 350 Personen. Rechnet man die 90 Entlassungen vom Februar 2024 und die 36 weiteren vom Juli 2025 zusammen, waren es vor dieser Welle rechnerisch noch etwa 224 – plus etwaige Neueinstellungen, minus natürliche Fluktuation.
Mit den nun anvisierten 75 Stellen schrumpft das einstige Vorzeigestudio der britischen Spieleentwicklung auf einen Bruchteil seiner Größe. Nordisk Games, die dänische Holding hinter Supermassive, hat sich zur aktuellen Runde bislang nicht öffentlich geäußert. Interim-CEO Graeme Law soll den Prozess gemeinsam mit dem CFO begleiten, während die Suche nach einer dauerhaften Führung läuft.
Eine Chronik, die keiner mehr Zufall nennt
Der Niedergang folgt einem präzisen Kalender. Im Februar 2024 informierte Supermassive zunächst 150 Mitarbeiter über ein Entlassungsrisiko – am Ende verloren rund 90 ihren Job. Kurz darauf verließen die Gründer Pete und Joe Samuels das Unternehmen, das sie 2008 aufgebaut hatten.
2025 folgte die Verschiebung von Directive 8020 – ursprünglich für Oktober geplant, auf 12. Mai 2026 – und 36 weitere Entlassungen. Sechs Wochen später, am 29. Juni, trat CEO Robert Henrysson zurück. Er verließ zeitgleich auch seine Rolle bei Nordisk Games.
Jetzt, Mitte August 2026, die dritte Welle. Das Muster ist unübersehbar: Drei Einschnitte in drei Jahren, jeweils mit Abstand von etwa zwölf bis achtzehn Monaten. Zufall sieht anders aus.
Directive 8020: Ein Spiel, das niemand spielt
Die Verkaufszahlen von Directive 8020 erklären, warum Nordisk Games die Reißleine zieht. Auf Steam erreichte das Spiel zum Launch einen Spitzenwert von 3.072 gleichzeitigen Spielern. Gamalytic schätzt die verkauften Kopien auf der Plattform auf rund 31.500 Einheiten – bei einem Preis von 49,99 Euro. Selbst bei großzügiger Hochrechnung auf Konsolenverkäufe bewegt sich der Titel damit in einer Liga, die für ein 300 Personen Studio nicht tragbar ist.
Die Kritiken waren nicht vernichtend, aber auch kein Rettungsanker: 72 Metascore aus 61 Reviews, ein User-Score von 5,6. Auf Steam bewerten 63 Prozent der rund 1.300 Nutzer das Spiel positiv – „Mixed“, mit abnehmender Tendenz. Kein Totalausfall, aber auch kein Hit, der ein angeschlagenes Studio hätte stabilisieren können.
Ein Horror-Teaser, der jetzt selbst zum Albtraum wird
Dabei hatte Supermassive die nächsten Schritte längst vorbereitet. Wer in Directive 8020 alle fünf „O Death“-Geheimnisse findet, schaltet eine versteckte Teaser-Sequenz frei: ein VHS-verzerrter Kurzfilm, der den nächsten Teil der Dark Pictures Anthology andeutet – mutmaßlich „The Craven Man“, ein übernatürlicher Horror mit Folk-Horror-Elementen.
Die Trademarks für The Craven Man, O Death, Intercession und Winterfold hatte Supermassive bereits im Januar 2022 eingereicht. Nach Directive 8020 sollten mindestens vier weitere Dark Pictures Spiele folgen. Ob und in welchem Umfang diese Projekte die aktuelle Entlassungswelle überleben, ist völlig offen – Nordisk Games hat sich zur Zukunft der Reihe nicht positioniert.
Wenn der Publisher einmal den Rotstift ansetzt
Supermassive Games ist kein Einzelfall. Die Spielebranche durchlebt seit 2024 eine beispiellose Korrekturwelle: Amazon Game Studios verlor im selben Zeitraum seinen Studio-Chef, Embracer Group zerlegte Dutzende Teams, Microsoft strich trotz Activision-Übernahme Stellen. Nordisk Games hatte Supermassive 2022 vollständig übernommen und „mehr Muskeln“ versprochen – drei Jahre später drückt genau diese Muskulatur nun zu.
Bemerkenswert ist die Dynamik: Anders als bei plötzlichen Studioschließungen vollzieht sich der Abbau bei Supermassive in geplanten, fast rhythmischen Intervallen. Das spricht weniger für akute Zahlungsunfähigkeit als für einen von Nordisk kontrollierten Schrumpfprozess – das Studio wird auf eine Kerngröße reduziert, die mit den zuletzt erzielten Umsätzen im Einklang steht.
