Linus Torvalds hat eine Regel einkassiert, die eigentlich mehr Transparenz über KI-Code im Linux-Kernel schaffen sollte – und nennt sie im selben Atemzug „strunzdumm“. Der Kernel-Chef setzte sich in einer hitzigen Mailinglisten-Debatte gegen den Einwand von Entwickler Laurent Pinchart durch: Das „Assisted-by“-Tag, seit Januar Pflicht für jeden KI-unterstützten Patch, ist seit dieser Woche Geschichte. Denn die Kennzeichnung sagte nichts über die Qualität des Codes aus – und genau darum ging es Torvalds von Anfang an.
Die Kennzeichnung fällt
Was nach einem Sieg für Transparenz klingt, ist in Wahrheit eine Kapitulation vor der Praxis. Seit Januar verlangte die Kernel-Dokumentation von jedem Contributor, der „irgendein fortgeschrittenes Coding-Tool“ benutzte, ein „Assisted-by“-Tag in die Commit-Nachricht zu setzen. Wer das nicht tat, riskierte, dass der Patch ohne Kommentar im Nirwana der Mailingliste verschwand. Doch die Regel hielt nicht, was sie versprach.
Auf dem Maintainers Summit in Prag Anfang Oktober einigten sich die wichtigsten Kernel-Entwickler darauf, die Pflicht zu beerdigen. Sasha Levin, Nvidia-Ingenieur und Mit-Maintainer der Stable-Kernel, formulierte den Beschluss in einem Patch: „Auf dem Maintainers Summit wurde ein Konsens erzielt, das „Assisted-by“-Tag als veraltet zu kennzeichnen. Entfernen Sie die Dokumentation, in der es vorgeschrieben wird.“ Der Patch ist inzwischen im docs-next-Zweig gelandet, der Weg in den Mainline-Kernel ist nur noch Formsache. Was bleibt, ist eine Debatte, die tiefere Gräben offenlegt als die Frage nach einem einzelnen Tag.
Laurent Pinchart, Kernel-Entwickler und Gründer von Ideas on Board, wehrte sich in derselben Diskussion. Ohne das Tag fehle ein Mechanismus, um von Contributoren Rechenschaft einzufordern, argumentierte er. Torvalds’ Antwort fiel so aus, wie man sie von ihm kennt: Er verglich die Forderung mit einem Verbot von Compilern. In seiner Mailinglisten-Antwort schrieb er: „Ich verstehe dieses ganze idiotische Konzept von ‚Benutze keine KI für X‘ nicht.“ Wer verlange, dass jemand Assembler schreibt, um zu beweisen, dass er den Rechner versteht, betreibe „völlig idiotische“ Regeln.
Zehn Prozent Compliance
Die Zahlen, die Sasha Levin auf den Tisch legte, sind ernüchternd. In der Linux-7.3-Entwicklung bis Release Candidate 7 trugen nur etwa zehn Prozent der 18.533 Nicht-Merge-Commits ein „Assisted-by“-Tag. Der Rest der Patches kam entweder ohne Kennzeichnung – oder von Entwicklern, die schlicht nicht wussten, dass es die Regel überhaupt gab. Dabei ist die tatsächliche KI-Nutzung im Kernel längst Alltag: Levin selbst hatte den Patch eingereicht, um das Tag zu kippen, und räumte ein, dass die Kennzeichnung als Compliance-Werkzeug gescheitert ist.
Jeff Layton von Red Hat lieferte ein weiteres Argument, das die Abschaffung beschleunigte: Das Tag sei „im Grunde kostenlose Werbung für proprietäre LLM-Firmen“, sagte er in der Diskussion. Wer „Assisted-by: LLM GPT-5“ in seinen Commit schreibe, mache damit nicht den Code transparenter, sondern das Produkt eines Anbieters sichtbarer. Der eigentliche Prüfstein für einen Patch ist ohnehin nicht das Tag, sondern der Code selbst – und die Frage, ob der Mensch, der ihn einreicht, versteht, was er da tut.
Genau hier liegt der Kern von Torvalds’ Position. Er unterscheidet nicht zwischen „KI-Code“ und „Menschen-Code“, sondern zwischen gutem und schlechtem Code. Ein Patch, der offensichtlich von einem LLM ausgespuckt und ohne Prüfung eingereicht wurde, fällt auch ohne Tag auf. Ein Patch, der durchdacht ist, braucht kein Bekenntnis zum verwendeten Werkzeug. Die Lizenz- und Haftungsfrage bleibt davon unberührt: Nur ein Mensch darf das Signed-off-by setzen und die Verantwortung für die Herkunft des Codes übernehmen. Das ist die eigentliche Brandmauer, nicht das Tag.
Ein Sieg der Pragmatiker
Der Linux-Kernel ist nicht das einzige Open-Source-Projekt, das mit KI ringt. Während Torvalds und seine Maintainer den pragmatischen Weg wählen, haben andere Distributionen die harte Kante ausgepackt: Gentoo verbietet in seiner Richtlinie ausdrücklich jeden Beitrag, der mit „Natural Language Processing artificial intelligence tools“ erstellt wurde. NetBSD behandelt KI-generierten Code standardmäßig als „tainted“ – also rechtlich belastet – und verlangt eine schriftliche Genehmigung, bevor er überhaupt committed werden darf.
Dass der Linux-Kernel diesen Weg nicht geht, ist eine strategische Entscheidung mit Signalwirkung. Der Kernel ist das größte und einflussreichste Open-Source-Projekt der Welt; wenn hier ein „Assisted-by“-Tag scheitert, weil niemand es befolgt, dann ist das kein Argument gegen Transparenz, sondern gegen Symbolpolitik. Die Debatte um KI im Code wird nicht dadurch entschieden, dass man ein Etikett auf einen Patch klebt – sie wird dadurch entschieden, wer die Verantwortung trägt, wenn der Patch bricht.
Andere Studios zeigen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen. Capcom rüstet die RE Engine für das KI-Zeitalter auf, CD Projekt Red bremst die Erwartungen an generative Prototypen, und Take-Two entlässt KI-Chef Luke Dicken, obwohl CEO Strauss Zelnick die Technologie zuvor in höchsten Tönen gelobt hatte. Die Frage ist überall dieselbe: Wie viel Struktur braucht eine Praxis, die sich schneller verändert als jede Regel, die man ihr hinterher schreibt?