Okay, mal ehrlich: Als Sony Anfang Juli verkündet hat, dass ab Januar 2028 keine neuen PlayStation-Spiele mehr auf Disc erscheinen, war der Aufschrei erstmal riesig. Petitionen, wütende Forenthreads, Nostalgie-Orgien – die volle Breitseite. Aber dann hat Daniel Ahmad, Director of Research bei Niko Partners und einer der klarsten Köpfe der Branche, einen Post auf X abgesetzt, der die ganze Debatte in ein ziemlich unangenehmes Licht rückt. Sein Vergleich: Apple hat 2008 angefangen, CD-Laufwerke aus seinen Laptops zu entfernen. Riesiger Aufschrei. Heute beschwert sich keine einzige Person mehr darüber. Und so weh das tut: Er hat nicht unrecht.
Warum Ahmad den Apple-Vergleich zieht – und warum er hinkt
Ahmads Argument ist simpel: Technologieverschiebungen fühlen sich im Moment der Ankündigung immer existenziell an, und ein Jahrzehnt später fragt keiner mehr nach dem alten Standard. Es habe damals zwar eine Menge Beschwerden gegeben, aber heute würde sich keine einzige Person mehr darüber aufregen, schreibt er. Und ja, der Reflex ist nachvollziehbar: Wer vermisst heute ernsthaft sein CD-Laufwerk? Wer würde ein MacBook mit Slot-In von 2006 einem aktuellen Modell vorziehen?
Doch der Vergleich hat ein gewaltiges Problem. Ahmad selbst räumt ein, dass ein neuer Laptop diesmal 5.000 Dollar kosten würde, während der alte mit Laufwerk noch tadellos funktioniert. Übersetzt: Der Umstieg war damals günstig und schmerzfrei – ein USB-Laufwerk für 30 Euro, und die Sache war erledigt. Diesmal geht es um mehrere Hundert Euro teure Konsolen, die ohne Laufwerk kommen werden. Und während Apple damals nur ein Medium ausgetauscht hat (CD/DVD gegen Download), nimmt Sony den Spielern die Eigentumsform komplett. Eine Blu-ray im Regal kann dir niemand wegnehmen. Eine digitale Lizenz, die an deinen PSN-Account gebunden ist – das ist etwas ganz anderes.
Trotzdem: In einem Punkt hat Ahmad einfach Recht. Die Richtung ist vorgezeichnet, und zwar nicht von Sony allein.
23 Dollar pro Spiel – die Rechnung, die kein Verlag ignorieren kann
Die nackten Zahlen sind vernichtend. Im letzten Geschäftsjahr waren 78 Prozent aller Vollspiele-Verkäufe auf PlayStation digital – im Schlussquartal sogar 85 Prozent. Physisch sind noch 15 Prozent übrig. Und jeder einzelne dieser verkauften Datenträger kostet Sony und die Publisher Geld: Pressung, Logistik, Händleranteil – CI Games-CEO Marek Tyminski hat öffentlich vorgerechnet, dass ein Vollpreistitel auf Disc den Publishern etwa 26 Dollar einbringt, während die digitale Version bei 49 Dollar liegt. 23 Dollar Unterschied – pro Spiel.
Dass Sony diesen Hebel zieht, ist kein Zufall und keine „natürliche Entwicklung“, wie es im PlayStation Blog heißt. Ahmad bezeichnet es treffend als einen aktiven Vorstoß des Plattformbetreibers – in einem geschlossenen Ökosystem verdient Sony an jedem digitalen Spielverkauf deutlich mehr als am Handel über den Ladentisch. Sony hat intern mehrfach betont, dass die Zielgruppe der Zukunft aus leidenschaftlichen Spielern besteht, die bereit sind, mehr auszugeben. Die Disc-Nutzer, die im Laden kaufen, weiterverkaufen und verleihen – die passen nicht in dieses Bild.
Vom Besitzer zum Lizenznehmer – was Ahmad mit Verbraucherrechten meint
Und hier wird es eigentlich interessant. Ahmad sagt ziemlich deutlich, dass der Kampf um die Disc strategisch der falsche ist. Egal, ob es um die Rückkehr physischer Medien oder den Umstieg auf Digital geht – die Diskussion müsse sich endlich auf Verbraucherrechte verlagern und darauf, was eine Lizenz eigentlich ermöglichen sollte.
Denn am Ende ist das Problem nicht die Disc an sich, sondern was mit ihr verschwindet. In einer rein digitalen PlayStation-Welt bestimmst du nicht mehr, was du mit deinen Spielen machst. Du kannst sie nicht verleihen, nicht gebraucht kaufen, nicht verschenken. Du besitzt eine Lizenz – und die gilt nur so lange, wie Sony die Server laufen lässt. Die Stop Killing Games-Initiative hat genau das adressiert. Aber Ahmad erweitert den Rahmen: Gifting, Family Sharing, faire Rückerstattungen – all das müsste in einer digitalen Zukunft Standard sein, ist es aber nicht.
Es ist ein bisschen so, als würde dir dein Vermieter erklären, dass du ab nächstem Jahr keine Möbel mehr in die Wohnung stellen darfst – aber immerhin könntest du gegen Aufpreis seine möblierte Variante mieten. Die Analogie ist überspitzt, aber nicht völlig falsch.
Was bedeutet das für die PS6?
Die logische Konsequenz aus Sonys Ankündigung ist eine PlayStation 6 ohne Laufwerk. Ahmad hält es für fast ausgeschlossen, dass Sony den Kurs noch ändert. Er hält es zwar für unwahrscheinlich, würde sich aber nicht wundern, wenn Sony zumindest bestimmte Aspekte noch genauer erläutert. Eine Verschiebung des Termins? Vielleicht. Eine Rücknahme? Kaum vorstellbar.
Microsoft steht übrigens vor derselben Entscheidung. Project Helix zeichnet sich ebenfalls als disc-lose Konsole ab. Beide Lager haben erkannt, dass sich physische Medien für den Massenmarkt nicht mehr lohnen. Aber während Microsoft zumindest mit Disc2Digital eine Brücke baut, zieht Sony den Stecker radikal und ohne Sicherheitsnetz für Bestandskunden.