Marathon ist aktuell für eine Woche kostenlos spielbar – doch was Bungie und Sony als großzügige Einladung inszenieren, hat sich für eine Reihe von PS5-Spielern in ein teures Missverständnis verwandelt. Wer während der Open Play Week die Deluxe Edition für verlockende 14 Dollar kaufte, erlebte ein böses Erwachen: Sony hat den Store-Eintrag inzwischen korrigiert, doch viele Käufer stehen nun mit kosmetischen Extras da – und ohne das eigentliche Spiel.
Wie aus einem Gratis-Event ein kostenpflichtiges Missverständnis wurde
Die Open Play Week, die parallel zum Start von Season 2 am 2. Juni begann und noch bis zum 9. Juni läuft, erlaubt den kompletten Zugriff auf Marathons PvPvE Extraction Shooter – inklusive des experimentellen PvE-Modus Sponsored Survival. Soweit die Kulisse. Das Problem entstand im PlayStation Store, wo das System die kostenlose Testphase wie einen Besitz der Standard Edition behandelte. Spieler, die den Gratis-Zugang aktiviert hatten, sahen daraufhin die Deluxe Edition für nur 14 Dollar – den Preis, den das System als Differenz zwischen Standard Edition (40 Dollar) und Deluxe Edition (60 Dollar) berechnete.
Was wie ein Schnäppchen aussah, war eine buchhalterische Falle: Der Kauf umfasste nur die kosmetischen Extras und den Premium Rewards Pass der Deluxe Edition – nicht das Basisspiel. GamesRadar dokumentierte den Vorgang detailliert und zitiert aus Sonys nachträglich eingefügtem Warnhinweis: „Der Kauf dieses Produkts gewährt nur für die Dauer der Open Play Week Zugang zu den Inhalten der Deluxe Edition. Danach ist der Kauf der Marathon Standard Edition erforderlich.“ Anders gesagt: Wer nicht nochmal das Basisspiel erwirbt, verliert nach dem 9. Juni alles – die 14 Dollar sind in Kosmetik-Wind verweht.
Dass die Store-Seite das Basisspiel ursprünglich als Teil des Pakets auflistete, machte die Sache nicht besser. Auf Reddit und in sozialen Medien brach ein Sturm der Entrüstung los. Ein Spieler brachte die Stimmung mit den Worten auf den Punkt: „Genau deshalb hassen die Leute Bungie, und ich spiele Marathon jeden Tag – was soll dieser Mist?“ Andere warfen dem Studio vor, schlicht keinen separaten Client für die Gratis-Woche bereitgestellt zu haben, wie es bei vergleichbaren Events branchenüblich wäre. Sony verweist zwar auf seine Rückerstattungsoptionen, doch den Gang durch den PlayStation-Support dürften die wenigsten Betroffenen als zufriedenstellende Lösung empfinden.
Bungies Monetarisierungs-Track-Record liefert den Kontext
Dieser Vorfall existiert nicht im luftleeren Raum. Bungie hat sich über Jahre hinweg ein Image erarbeitet, das in puncto Monetarisierung alles andere als vertrauenswürdig ist. Die Eververse in Destiny 2 wurde zum Symbol für aggressiv vermarktete kosmetische Inhalte, Lightfall geriet zum kommerziellen Reinfall, und das Studio strich wiederholt Entwicklerstellen, während die Moral im Entwicklungsteam eigenen Angaben zufolge im freien Fall ist. Dass ausgerechnet in diesem Klima ein Store-Fehler passiert, bei dem Spieler für kosmetische Add-ons bezahlen, ohne ein funktionierendes Spiel zu erhalten, wirkt für viele Community-Mitglieder weniger wie ein Versehen und mehr wie ein strukturelles Problem.
Die von Bungies Presseportal kommunizierte Preisstruktur ist eigentlich klar: 40 Dollar für die Standard Edition, 60 Dollar für die Deluxe Edition mit Zusatzinhalten. Europäische Preise liegen bei 40 Euro respektive 60 Euro. Das Upgrade-System im PlayStation Store ist in der Theorie praktisch – Besitzer des Basisspiels zahlen nur die Differenz. Aber dass dieses System während einer laufenden Gratis-Aktion nicht deaktiviert wurde, offenbart entweder schlampige Qualitätssicherung oder mangelnde Kommunikation zwischen Sony und Bungie. In einem Markt, in dem Spieler bei Preisfehlern zunehmend kulante Lösungen erwarten – Valves großzügige Handhabung bei Steam-Preisfehlern dient hier als Maßstab –, wirkt Sonys nachträglicher Warnhinweis wie das absolute Minimum an Schadensbegrenzung.
Ein sinkendes Schiff wirbt um neue Passagiere
Die Open Play Week findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem Marathon dringend neue Spieler braucht. Zwar griffen 2,2 Millionen Spieler zum Launch zu, doch der Glanz verflog schnell: Marathons Spielerzahlen sind bereits zwei Monate nach Launch unter die von Destiny 2 gefallen – einem zehn Jahre alten Vorgänger, den Bungie längst auf Sparflamme betreibt. Sony meldete einen Impairment Loss von 765 Millionen Dollar auf die Bungie-Akquisition, und obwohl Sony trotz massiver finanzieller Verluste an dem Extraction Shooter festhält, deutet wenig auf eine rasche Erholung hin.
Season 2 soll mit einem neuen Matchmaking-System, der survival-horror-artigen Night Marsh Map und dem experimentellen PvE-Modus Sponsored Survival frischen Wind bringen. Doch der Season 2 Trailer lieferte Ende Mai eher cineastische Stimmung als handfeste Gameplay-Details, und die jetzt bekannt gewordene Store-Panne vergiftet die Stimmung zusätzlich. Season 2 Nightfall verwandelt die Karte Night Marsh in eine nächtliche Gefahrenzone und setzt auf Atmosphäre – aber das überzeugt nur diejenigen, die nach dem 9. Juni überhaupt noch Zugang zum Spiel haben.
Die eigentliche Frage, die sich nach dieser Episode stellt, lautet: Wie viele der Spieler, die während der Open Play Week hereingeschnuppert haben, werden nach dem 14-Dollar-Desaster bereit sein, 40 Euro für die Standard Edition auszugeben? Bungie und Sony haben mit dieser Panne nicht nur kurzfristig Vertrauen verspielt – sie haben potenzielle Käufer in genau dem Moment verprellt, in dem Marathon jeden einzelnen von ihnen dringend gebraucht hätte.
Auf den Pixel gefühlt…
Kurz, präzise, unbestechlich


