Vier Monate nach dem Launch verliert Marathon seinen Game Director. Joe Ziegler verlässt Bungie – offiziell ein geordneter Übergang, faktisch das sichtbarste Symptom einer Krise, die tiefer sitzt als ein einzelner Personalwechsel.
Ein Abgang mit Ansage
Joe Ziegler war nicht der erste hochkarätige Abgang bei Bungie in diesem Jahr, aber er ist der sichtbarste. Der Game Director von Marathon, der 2022 von Riot Games kam, die Entwicklung des Extraction-Shooters maßgeblich geprägt hat und Marathons Saisons als Roguelike-Abenteuer beschrieb – verkündete auf X, dass der 17. Juli sein letzter Tag bei Bungie sei. „Ich werde mich etwas Neuem zuwenden, woanders“, schrieb er – ohne konkret zu werden, wohin die Reise geht.
Die Nachfolge ist intern bereits geregelt: Del Chafe III, zuvor Assistant Game Director und ein 15-Jahre-Veteran des Studios, übernimmt. Zusammen mit Creative Director Julia Nardin, die ebenfalls bereits in einer starken Führungsrolle war, soll er Marathon „in das nächste Kapitel führen“. Klingt nach einem geordneten Übergang – und ist es auf Papier auch. Nur fällt der Zeitpunkt denkbar ungünstig.
Denn Ziegler ist nicht der Einzige, der Bungie in den letzten Wochen den Rücken gekehrt hat. Ex-Marathon-Design-Lead Lars Bakken, ein 20-Jahre-Veteran mit Credits bis zu Halo 3, verließ das Studio im Juni. Marathon-General-Manager Scott Taylor wurde im Zuge der Massenentlassungen im Juni gefeuert – rund 300 Mitarbeiter, fast 40 Prozent der Belegschaft, mussten gehen. Dass Bungie das als Neuausrichtung für die „aktuellen Prioritäten und langfristigen Ziele“ verkauft, ist die eine Sache. Dass Marathon innerhalb weniger Monate seinen Game Director, seinen Design Lead und seinen General Manager verliert, eine andere.
Die nackten Zahlen
Der Führungswechsel kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Marathon auf Steam nicht mehr die Kurve kriegt. PC Gamer berichtet in seiner Analyse über den Abgang und zeichnet ein düsteres Bild der Spielerzahlen: In den letzten 30 Tagen lag der Durchschnitt der gleichzeitigen Spieler bei rund 5.700 – ein Einbruch von 50 Prozent gegenüber dem Juni-Wert von 11.400. Der letzte Tag, an dem Marathon überhaupt noch über 10.000 Durchschnittsspieler lag, war der 27. Juni.
Zum Vergleich: Die 2,2 Millionen Spieler zum Marathon-Launch sind Geschichte – der All-Time-Peak lag damals bei 77.358 gleichzeitigen Spielern, ein respektabler Wert für einen Extraction-Shooter. Doch die Euphorie hielt nicht lange. Season 2: NIGHTFALL, die das Interesse neu entfachen sollte, verpuffte – selbst eine kostenlose Woche brachte keine nachhaltige Belebung. Die aktuellen Steam-Bewertungen spiegeln das wider: In den letzten 30 Tagen liegt die Zustimmungsrate bei nur noch 70 Prozent, während der Gesamtwert mit 85 Prozent deutlich besser aussieht.
Es ist kein Concord-Disaster. Aber wenn ein Spiel vier Monate nach dem Release 50 Prozent seiner Spieler von einem ohnehin niedrigen Niveau verliert, ist das ein Weckruf. Zumal Marathon für Bungie nach dem Ende von Destiny 2 das einzige Standbein ist – existenziell, nicht nur strategisch.
Was jetzt kommt
Bungie gibt sich trotzdem kämpferisch. Am 21. Juli startet der Vault Breaker PvE-Modus, ein kooperativer Spielmodus, in dem ein bis drei Runners in die Cryo Archive eintauchen, um Daten zu bergen und spezielle Sponsored Kits zu verstärken. Allerdings: Der Modus ist zunächst nur zwei Wochen lang spielbar – ein Testballon, bevor die vollständige PvE-Erfahrung in Season 3 im September kommt.
Das ist ein kalkulierter Schritt. Bungie testet, ob PvE-Inhalte die Spieler zurückbringen können – und ob sie langfristig binden. Dazu kommen Änderungen an der Perimeter-Map, neue Inhalte und ein neuer Runner-Shell. Vieles deutet darauf hin, dass Bungie den Herbst als Wendepunkt sieht: Entweder Season 3 bringt die Wende, oder Marathon bleibt im freien Fall.
Was fehlt, ist die klare Ansage. Bungie hat kommuniziert, dass das Team an Marathon weiterarbeitet und die neuen Inhalte kommen. Aber ob Del Chafe III und Julia Nardin das Schiff herumreißen können, hängt nicht nur von ihren Fähigkeiten ab – sondern auch davon, ob Sony weiteres Vertrauen in ein Studio hat, das laut Kotaku in einer Führungskrise steckt – mit mehreren Führungsabgängen innerhalb weniger Monate.


