Forbes-Journalist Paul Tassi liefert neue Details aus dem Inneren von Bungie: Nachdem die Erweiterung „Am Rande des Schicksals“ und der Renegades-Flop die Verkaufszahlen einbrechen ließen, diskutierte das Studio offenbar einen radikalen Neuanfang. Destiny 2 sollte als Destiny Infinity neu gestartet werden – ein Soft-Reboot mit einem einzigen, großen Add-on pro Jahr statt des aktuellen Zwei-Erweiterungen-Modells. Doch der Plan war zum Scheitern verurteilt, bevor er ernsthaft auf den Tisch kam.
Interne Krisensitzungen nach Renegades – und die Destiny-Infinity-Idee
Die Probleme von Destiny 2 begannen laut Tassis Quellen nicht erst mit der Ankündigung des Support-Endes, sondern schon deutlich früher. Bereits nach der Veröffentlichung von „Am Rande des Schicksals“ (der offiziellen deutschen Bezeichnung für Edge of Fate) gab es erste interne Gespräche darüber, wohin die Reise für den Shooter gehen könnte. Der Grund: Die Erweiterung blieb hinter den Erwartungen zurück. Richtig ernst wurde es jedoch mit der zweiten Erweiterung des Jahrs der Prophezeiung: Renegades fiel nicht nur bei der Presse durch, sondern verkaufte sich auch so schlecht, dass die internen Alarmglocken schrillten.
Die naheliegende Lösung? Ein radikaler Schnitt. Anstatt am aufwendigen Modell mit zwei kostenpflichtigen Add-ons pro Jahr festzuhalten, wollte Bungie zu bewährteren Strukturen zurückkehren: eine große Erweiterung pro Jahr, ergänzt durch Updates, die sich über zwölf Monate erstrecken. Der Clou: Destiny 2 sollte parallel dazu als Destiny Infinity neugestartet werden – kein vollwertiges Sequel, aber ein Relaunch, der frischen Wind und neue Momentum signalisieren sollte. Der vollständige Forbes-Bericht von Paul Tassi zeichnet ein detailliertes Bild dieser internen Debatten.
Warum Bungies Rettungsplan scheiterte
Auf dem Papier klingt die Idee eines Reboots unter neuem Namen verführerisch. Andere Live-Service-Titel haben ähnliche Strategien erfolgreich umgesetzt: Final Fantasy XIV wurde als A Realm Reborn komplett neu aufgesetzt und ist heute einer der profitabelsten MMOs der Welt. Doch Bungies Situation war eine andere.
Das zentrale Problem war – wie so oft in der aktuellen Gaming-Industrie – das Geld. Ein Relaunch oder gar ein Destiny 3 hätte Hunderte Millionen Dollar verschlungen. Bloomberg-Reporter Jason Schreier bezifferte die Kosten für ein komplett neues Destiny 3 auf bis zu 500 Millionen Dollar vor Marketing und Post-Launch-Support. Sony, das Bungie 2022 für 3,6 Milliarden Dollar übernommen hatte, zeigte sich nach hohen Abschreibungen (über 200 Millionen Dollar allein auf Bungie-Vermögenswerte) äußerst risikoscheu. Wie bereits in unserer Analyse zur Destiny-3-Petition festgehalten: „Ob 190.000 Unterschriften da den CFO von Sony beeindrucken, ist fraglich“ – und das galt für Destiny Infinity gleichermaßen.
Hinzu kam ein weiterer Faktor, den Tassi in seinem Bericht deutlich macht: Marathons enttäuschender Start half kräftig mit, Destiny 2 den Rest zu geben. Eine Quelle formulierte es gegenüber Forbes so: „Wenn Marathon eine Milliarde Dollar eingespielt hätte, hätte Destiny 2 dann eine Chance gehabt, weiterzumachen? Sicher, vielleicht.“ Doch Marathon verfehlte diese Marke deutlich – ein vernichtendes Zeugnis für Bungies neuen Hoffnungsträger.
Destiny 3 ist tot, der Community-Protest verpufft
Viele Fans hoffen weiterhin auf einen Nachfolger, doch Tassi zerstört diese Illusion endgültig: Destiny 3 ist weder in Produktion noch genehmigt, und interne Quellen haben keine Erwartung, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Sony scheut das finanzielle Risiko eines Triple-A-Sequels in einem Markt, der bereits mehrere Live-Service-Leichen gezählt hat – von Anthem über Babylon’s Fall bis hin zu Concord. Die hauseigene Tiger Engine, eine stark modifizierte Halo-Engine-Variante, gilt technisch als veraltet und müsste für ein Destiny 3 grundlegend überholt oder ersetzt werden – ein zusätzlicher Kostenfaktor, den niemand stemmen will.
Selbst die gut gemeinten Aktionen der Community – eine Petition mit fast 190.000 Unterschriften und ein geplanter Login-Surge am 9. Juni – haben laut Tassi „keinerlei Chance, die Entscheidung rückgängig zu machen oder Destiny 3 grünes Licht zu geben“. Wie wir bereits berichteten, wusste der Großteil der Bungie-Belegschaft bis zur öffentlichen Ankündigung nichts vom Aus – Teams arbeiteten noch an der nie veröffentlichten Erweiterung Shattered Cycle. Die Führungsetage hielt die Informationen bewusst zurück, Mitarbeiter flehten um Aufklärung. Es ist kein Umfeld, in dem ein neues Flagschiff entstehen könnte.
Was bleibt: Marathon als einzige Hoffnung
Bungie steht nun vor einer unangenehmen Wahrheit: Das gesamte Unternehmen hängt an Marathon. Sony pumpt zwar Ressourcen in den Extraction-Shooter und plant eine zweite Season, doch die Spielerzahlen sind alarmierend. Marathons gleichzeitige Spieler auf Steam sind nach zwei Monaten unter die von Destiny 2 gefallen – einem Spiel, das offiziell im Wartungsmodus versinkt. Dass die Konsole laut Tassis Quellen „wirklich nichts mit dem Ding anfangen kann“, macht die Sache nicht besser.
Bungie braucht dringend ein neues, grünes Licht für ein Projekt – aber alle internen Pitches, die noch auf dem Tisch liegen, sind keine Full-Sequel-Vorschläge. Kleinere Destiny-Spin-offs, Einzelspieler-Erfahrungen? Niemand spricht darüber. Schon im Bloomberg-Report hieß es, dass Destiny 3 komplett auf Eis liegt – und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Am 9. Juni erscheint das letzte Content-Update für Destiny 2, Monument of Triumph. Die Server bleiben an, aber die Entwicklung ist beendet. Was bleibt, ist die Frage, ob Bungie in einem Jahr noch als das Studio existiert, das wir kennen – oder als ein stark geschrumpftes Team, das unter dem PlayStation-Dach auf eine zweite Chance wartet. Destiny Infinity wird es nicht geben. Die Frage ist, ob es Bungie in irgendeiner Form noch geben wird.
Habt ihr euch von Destiny 2 bereits verabschiedet oder plant ihr noch einen letzten großen Login am 9. Juni? Und glaubt ihr, dass Bungie sich von diesem Schlag jemals erholen kann oder war das der Anfang vom Ende des Studios?