Bungie hat nicht nur ein Spiel abgeschaltet – das Studio hat dabei offenbar den eigenen Laden nicht im Griff gehabt. Laut übereinstimmenden Berichten aus dem Inneren des Studios wusste die Mehrheit der Bungie-Belegschaft bis zur öffentlichen Ankündigung nicht, dass der Support für Destiny 2 am 9. Juni 2026 enden würde. Teams arbeiteten weiter an Content, der nie erscheinen wird – darunter die geplante Erweiterung Shattered Cycle. Was wie ein strategischer Rückzug aussehen sollte, entpuppt sich als strukturelles Führungsversagen.
Shattered Cycle und der Verrat an der eigenen Belegschaft
Der Forbes-Journalist Paul Tassi, einer der meistzitierten Destiny-Insider der Branche, hat neue Details aus eigenen Quellen veröffentlicht, die ein unangenehmes Bild von Bungies interner Kultur zeichnen. Die Entscheidung, Destiny 2 einzustellen und Ressourcen auf Marathon umzuleiten, soll Anfang 2026 gefallen sein – aber nur ein kleiner Kreis wusste davon. Der Rest des Studios werkelte weiter: an zukünftigen Erweiterungen, an Content-Plänen, an einer Roadmap, die längst Makulatur war.
Besonders bitter: Shattered Cycle, eine Erweiterung, die laut durchgesickerter Roadmap für Sommer 2026 geplant war, wurde nie offiziell angekündigt – intern aber aktiv entwickelt. Die Teams, die über das bevorstehende Ende Bescheid wussten, sollen laut Tassi die Führungsebene regelrecht angefleht haben, mehr Kollegen zu informieren. Ohne Erfolg. Das Resultat war eine toxisch gespaltene Belegschaft: auf der einen Seite Mitarbeiter, die auf ein totes Pferd setzten, auf der anderen jene, die schweigend zusehen mussten.
Das ist kein Missverständnis in der Unternehmenskommunikation. Das ist eine Führungsentscheidung, die bewusst in Kauf nahm, dass Menschen ihre Arbeit und damit ein Stück ihrer Berufsidentität in etwas investierten, das bereits abgeschrieben war.
Entlassungen, Town Hall und die Stille danach
Was folgt, ist leider vorhersehbar: Signifikante Entlassungen stehen bevor, auch wenn Timing und Umfang laut Tassi noch nicht final kommuniziert wurden. Auf einem Town Hall-Meeting nach der öffentlichen Ankündigung wurde die Führungsetage von Mitarbeitern mehrfach direkt zu den Jobstreichungen befragt – konkrete Antworten blieben aus. Dass die Entlassungen „nicht unmittelbar bevorstehen“ (Tassis Formulierung), ist kein Trost; es ist die Ungewissheit, die zermürbt.
Bereits 2024 hatte Bungie 17 Prozent der Belegschaft abgebaut – damals noch unter dem mittlerweile zurückgetretenen CEO Pete Parsons, der das Unternehmen nach über zwei Jahrzehnten an seinen Nachfolger Justin Truman übergab. Truman, der 15 Jahre bei Bungie verbrachte und als General Manager für Destiny 2 fungierte, hat nun das zweifelhafte Vergnügen, eine weitere Entlassungswelle zu moderieren.
Der Kontext macht die Situation noch schwerer verdaulich: Sony hat auf Bungie bereits massive Abschreibungen vorgenommen. Die Abschreibungen von 31,5 Milliarden Yen auf Bungie-Vermögenswerte – umgerechnet über 200 Millionen Dollar – belegen, dass der PlayStation-Konzern schon länger kalkuliert, wie viel ihm das Studio wert ist. Die Antwort fällt erkennbar kleiner aus als 2022, als der Deal für 3,6 Milliarden Dollar abgeschlossen wurde.
Destiny 3: Kein Grünes Licht, keine Timeline, kein Geld
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt für die Community. Destiny 3 ist nicht in aktiver Produktion, nicht genehmigt und nicht budgetiert. Bloomberg-Reporter Jason Schreier, der die ursprüngliche Story zu den Entlassungen gebrochen hatte, brachte es auf Twitter auf den Punkt: Es geht schlicht ums Geld. Ein moderner Live Service Shooter im Maßstab von Destiny kostet Hunderte Millionen Dollar in der Entwicklung – und Sony ist derzeit in keiner Position, dieses Risiko einzugehen.
Das ist nachvollziehbar, wenn man den Markt betrachtet. Anthem (EA/BioWare), Babylon’s Fall (Square Enix/PlatinumGames) und zuletzt Concord (PlayStation Studios) sind Mahnmäler für das Scheitern ambitionierter Live-Service-Experimente. Selbst Spiele mit riesigem Budget und starker Marke überleben nicht zwangsläufig. Warum sollte Sony Milliarden in ein Destiny 3 pumpen, wenn unklar ist, ob der Markt dafür überhaupt noch bereit ist?
Bungie pitcht laut Tassi intern andere Projekte, die die Destiny-IP nutzen – aber kein Full Sequel. Was das konkret bedeutet, bleibt offen. Kleinere Spin-offs? Einzelspieler-Erfahrungen? Mobile-Titel? Niemand redet. Kein Grünes Licht, keine öffentliche Kommunikation.
Marathon als letzter Rettungsanker – mit löchrigem Boden
Alles läuft jetzt auf Marathon zu, Bungies Extraction Shooter, der im März 2026 erschien. Sony pumpt zusätzliche Ressourcen in den Titel, und ein Teil der ehemaligen Destiny-Teams wurde bereits dorthin transferiert. Das klingt nach einer klaren Strategie. Schaut man sich aber die aktuellen Spielerzahlen an, hat Marathon zwei Monate nach Launch bereits Destiny 2 bei den gleichzeitigen Steam-Spielern unterboten – ein Titel, der offiziell im Wartungsmodus versinkt. Zum Vergleich: Concurrent-Peaks von unter 10.000 Spielern auf Steam für ein Spiel, das Bungies gesamte Zukunft tragen soll, sind alarmierend.
Das bedeutet nicht, dass Marathon tot ist – Live-Service-Spiele können sich erholen, wenn der Content stimmt. Warframe ist ein viel zitiertes Positivbeispiel, No Man’s Sky ein anderes. Aber diese Comebacks brauchen Zeit, Geld und vor allem stabile Entwicklungskapazitäten. Entlassungswellen und Marathon als einzige Einnahmequelle gleichzeitig zu managen, ist ein Balanceakt auf dem Drahtseil.
Das letzte Content Update für Destiny 2, Monument of Triumph, erscheint am 9. Juni – danach wandert ein Spiel, das neun Jahre lang Millionen Hüter begleitet hat, in den Wartungsmodus. Der Server bleibt an, die Entwicklung ist beendet. Was bleibt, ist die Frage, ob Bungie in einem Jahr noch das Studio ist, das wir kennen – oder ein deutlich kleineres Team, das unter dem PlayStation-Dach auf eine zweite Chance wartet.