Manchmal reicht ein einziges Foto, um einen Superhelden in ein Tier zu verwandeln. Der neue Gameplay-Trailer zu Marvel’s Wolverine zeigt genau diesen Moment – und er ist das beste Argument, warum Insomniacs PS5-Titel nicht einfach nur „noch ein Marvel-Spiel“ wird. Wir sehen Tokio, wir sehen Lady Deathstrike, und wir sehen, wie James „Logan“ Howlett das letzte bisschen Kontrolle über sich verliert. Der Release am 15. September ist nur noch zwei Monate entfernt, und dieser Trailer macht eines glasklar: Hier geht es nicht um Verantwortung oder Heldentum. Hier geht es um Überleben.
Ein Foto, ein Auslöser: Was Lady Deathstrike falsch macht
Den ganzen Trailer über reißt Wolverine Reavers in Stücke, hechtet von einem fahrenden Truck zum nächsten und steckt Schüsse weg, als wären es Mückenstiche. Wir sehen ihn auf einem Motorrad, sehen ihn durch Tokios Straßen pflügen, sehen Ninjas und kybernetische Söldner – und dann kommt Lady Deathstrike. Yuriko Oyama, die in den Comics eine der wenigen Gegnerinnen ist, die Wolverine körperlich gewachsen ist, macht im Trailer genau das, was man nicht tun sollte: Sie schlägt ihn zu Boden. Und dabei verliert Logan das einzige Foto, das er von Jean Grey hat.
Das ist der Moment, in dem der Trailer von spektakulärer Action in etwas Persönlicheres kippt. Wolverine rappelt sich nicht einfach auf und kämpft weiter – er rastet aus. Im großen IGN-Interview beschreiben die Entwickler die Szene als Auslöser für die altbekannte Berserker Rage, und was im Anschluss zu sehen ist, erinnert an die monochromen Comic-Panels der Reihe Marvel Comics Presents: Wolverine – Black, White & Blood.
Insomniac nennt das Rage Tier 3: eine stilistische Explosion purer Gewalt, die den Bildschirm in Schwarz-Weiß-Rot taucht und Logan für kurze Zeit unaufhaltsam macht. Was der Trailer dabei geschickt macht: Er zeigt nicht einfach nur Wut, er begründet sie. Logan verliert nicht die Kontrolle, weil er angegriffen wird – er verliert sie, weil ihm etwas weggenommen wird, das er nicht ersetzen kann. Das unterscheidet diesen Moment von jedem x-beliebigen QTE-Rage-Out in anderen Spielen.
Sabretooth auf der eigenen Seite: Die Überraschung im Trailer
Wenn der Trailer eine echte Überraschung bereithält, dann ist es Sabretooth. Nicht als Endgegner, nicht als Bosskampf, sondern als jemand, der im Hintergrund auftaucht und mitmacht. Die Szene ist bewusst knapp gehalten, aber sie zeigt Victor Creed Seite an Seite mit Wolverine im Kampfgewühl – laut den Begleitinfos sogar auf Missionen, bei denen die beiden sehen wollen, wer mehr Kills sammelt.
Insomniac bricht hier mit der eigenen Tradition: Während in den Spider-Man-Spielen jeder Charakter in seine moralische Schublade passt, bleibt Wolverines Verhältnis zu Sabretooth bewusst ambivalent. Die beiden hassen sich – aber sie kämpfen für dasselbe Ziel. Das erinnert an die Comic-Dynamik, in der Sabretooth immer wieder zwischen Verbündetem und Feind schwankt, je nachdem, was ihm gerade mehr nützt.
Ob das durchhält oder ob Sabretooth im Verlauf der Kampagne noch die Seiten wechselt, lässt der Trailer offen. Was er aber deutlich macht: Für eine einfache „Gut gegen Böse“-Geschichte ist dieses Spiel nicht zu haben. Die Grauzone, in der sich Logan und Creed bewegen, ist Teil des narrativen Konzepts. IGN spekuliert, dass Sabretooth womöglich gar nicht der finale Boss sein wird – und das wäre tatsächlich die klügere Entscheidung. In einer Welt, in der Trasks Sentinels, Omega Red, Mystique und Lady Deathstrike als Antagonisten aufgefahren werden, wäre es fast schade, den wohl persönlichsten Gegner Wolverines auf eine einfache Boss-Rolle zu reduzieren.
Zwei Monate bis zum Release: Was wir jetzt wissen
Am 15. September ist es so weit – und der Trailer macht klar, dass Insomniac in den verbleibenden Wochen vor allem eines will: zeigen, dass dieses Spiel anders wird. Lineare Level statt offener Welt, eine comic-inspirierte Ästhetik statt fotorealistischem Einerlei, und ein Kampfsystem, das Verletzungen in Echtzeit am Körpermodell zeigt – inklusive freiliegendem Adamantium-Skelett. Die Parallelen zu God of War sind da, aber die Stoßrichtung ist eine andere: Wo Kratos‘ Kämpfe kontrolliert und rhythmisch sind, geht es bei Wolverine um Kontrollverlust. Um Rohheit.
Preislich bleibt Sony bei der gewohnten Linie: Die Standard-Edition kostet 79,99 Euro, die Digital Deluxe Edition mit fünf exklusiven Anzügen, fünf speziellen Klauen-Sets und drei zusätzlichen Technik-Punkten liegt bei 89,99 Euro. Wer vorbestellt, sichert sich den Classic Brown Suit aus den Comics sowie die Reflective Claws als Early-Unlock-Bonus. Anders als bei GTA 6 wird hier auch nicht darüber diskutiert, ob die Disc in der Box steckt oder nicht. Insomniac hat früh klargestellt, dass die physische Fassung eine Disc enthält. Ein kleiner Sieg für Sammler, aber einer, der zeigt, dass nicht jedes Studio dem digital-only-Trend hinterherrennt.
