MindsEye entpuppt sich als Paradebeispiel katastrophaler Projektführung – und ehemalige Angestellte von Build a Rocket Boy erheben vernichtende Vorwürfe gegen Co-CEO Leslie Benzies. Feature-Creep, Saboteur-Beschuldigungen statt Selbstkritik und systematisch ignoriertes Feedback plagten die Entwicklung. Mittlerweile befindet sich der frühere Rockstar-Veteran in „temporärer Auszeit“, während die Gewerkschaft IWGB Game Workers rechtliche Schritte prüft.
Saboteur-Vorwürfe statt Selbstreflexion: Benzies‘ toxische Führungskultur
Nach Entlassungswellen bei Build a Rocket Boy erwarteten Mitarbeiter Erklärungen – stattdessen erhielten sie Verschwörungstheorien. „Ich hatte auf mehr Erklärung zu den Entlassungen gehofft“, berichtete ein ehemaliger Angestellter gegenüber GamesIndustry.biz. „Aber stattdessen wurde uns erzählt, es gäbe Saboteure innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Leslie schien keine Schuld am Launch zu übernehmen. Es war beleidigend, dass er seinen eigenen Mitarbeitern nicht vertraute. Die Idee, dass wir ein Spiel sabotieren würden, an dem wir unzählige Stunden gearbeitet hatten, war unhöflich.“ Diese Aussage offenbart eine fundamental gestörte Vertrauensbeziehung – ein toxisches Klima, in dem legitime Kritik als feindlicher Akt interpretiert wird. Berichte deuten sogar darauf hin, dass Build a Rocket Boy als Reaktion Überwachungssoftware auf Entwicklergeräten installierte, was das bereits erschütterte Vertrauen weiter erodierte.
Feature-Creep bis zum Kollaps: Impulsive Eingriffe sabotierten Qualität
Ben Newbon, ehemaliger leitender Datenanalyst, beschrieb detailliert, wie destruktiver Feature-Creep MindsEye zugrunde richtete. „Wenn das Management sich darauf konzentriert hätte, alles zu straffen, hätte es funktionieren können“, erklärte Newbon. „Aber stattdessen versuchten sie ständig, zusätzliches Zeug draufzupacken. Leslies Aufmerksamkeit wurde von etwas gefangen, und dann bestand er darauf, dieses zusätzliche Feature hinzuzufügen, selbst einen Monat vor Launch. Es gab nicht genug Zeit, diese Dinge zu testen.“ Diese Art chaotischer Projektführung – Last-Minute-Features ohne adäquate Testphasen – ist ein klassisches Antipattern in der Spieleentwicklung und führte zu einem unterpoliertem, fehlerbehaftetem Produkt. Das Spiel hätte gut werden können mit Fokus auf Politur, doch Benzies‘ spontane Einfälle zerstörten systematisch die Produktqualität.
Talente zerquetscht: Kollektives Versagen durch autokratische Strukturen
Mehrere Mitarbeiter betonten, wie sehr die Entwicklung darunter litt, dass das gesamte Studio existierte, um eine einzelne Person zu besänftigen. „Sie zerquetschten ihr eigenes Talent unter dem Joch, eine einzelne Person an der Spitze zu besänftigen“, sagte ein ehemaliger Angestellter. Ein anderer fügte hinzu: „[Benzies] hätte möglicherweise eine Erfolgsformel gehabt, wenn er auf die Ratschläge der buchstäblich hunderte fantastischer, unglaublich talentierter und hart arbeitender Branchenprofis gehört hätte, für deren Einstellung sie so viel Zeit und Geld aufwendeten.“ Die hierarchische Struktur – in der Benzies‘ Launen Vorrang vor datengestützter Analyse hatten – untergrub nicht nur die Produktqualität, sondern demoralisierte auch das Team. Bereits im Oktober hatte Newbon angemerkt, dass es während der Entwicklung zahlreiche Punkte gab, an denen Feedback von der Führung ignoriert wurde.
Rechtliche Konsequenzen und „wohlverdiente Auszeit“: Die Folgen des Debakels
Ein Sprecher von Build a Rocket Boy bestätigte, dass Benzies sich derzeit in „einer wohlverdienten temporären Auszeit befindet, um sich zu erholen, nachdem er mehr als ein Jahr rund um die Uhr gearbeitet hatte.“ Die Formulierung „wohlverdient“ erscheint angesichts der Vorwürfe zynisch – sie suggeriert eine Belohnung für Hingabe, während ehemalige Mitarbeiter von Mikromanagement, ignorierten Warnungen und destruktiven Entscheidungen berichten. Mittlerweile hat Build a Rocket Boy auch juristische Probleme: Die britische Gewerkschaft IWGB Game Workers hat einen Brief veröffentlicht, der die Studioleitung verurteilt, und bestätigt, rechtliche Schritte zugunsten ehemaliger Mitarbeiter zu prüfen. Das MindsEye-Debakel reiht sich in eine wachsende Liste von Spieleentwicklungs-Katastrophen ein, bei denen toxische Führungskultur, mangelnde Scope-Kontrolle und autokratische Entscheidungsfindung talentierte Teams scheitern ließen. Die Situation zeigt exemplarisch, wie selbst Studios mit erfahrenen Veteranen – Benzies war Producer bei Grand Theft Auto-Titeln – spektakulär versagen können, wenn strukturelle Dysfunktionen und Ego-getriebene Führung zusammenkommen.