Stell dir vor, du arbeitest seit Jahren in einem Studio. Du hast Spiele mitgebaut, die eine ganze Generation von RPG-Fans geprägt haben. Dann kommt eine Woche, in der du dich von Kollegen verabschieden musst – von Leuten, die nicht nur gute Entwickler waren, sondern Freunde. Und während du noch versuchst, das zu verarbeiten, öffnest du das Internet und siehst Leute, die noch nie einen Fuß in euer Büro gesetzt haben, erklären, wer ihr Studio eigentlich ist und dass es „nicht mehr das ist, was es mal war“. Genau das ist Brandon Adler, Game Director bei Obsidian Entertainment, in dieser Woche passiert. Und er hat sich entschieden, nicht still zu halten.
„Eine extrem schwierige Woche“
Adler hat den Post auf LinkedIn veröffentlicht, nicht auf Twitter oder Bluesky – und das ist kein Zufall. LinkedIn ist der Ort, an dem Entwickler nach den Entlassungen nach Jobs suchen, an dem Headhunter scrollen und an dem die professionelle Fassade eigentlich Vorschrift ist. Dass Adler diesen Kanal wählt, unterstreicht, wie ernst ihm die Sache ist.
„Das war eine extrem schwierige Woche bei Obsidian“, schreibt er. „Ich musste nicht nur Abschied nehmen von großartigen Spieleentwicklern, sondern auch von einigen meiner besten Freunde.“
Die Zahlen dahinter: Rund ein Viertel der Belegschaft hat Obsidian im Zuge der Xbox-Massenentlassungen verloren – 3.200 Stellen werden konzernweit gestrichen, vier Studios abgestoßen. Dass Adler direkt aus dieser Woche heraus publiziert, macht seinen Post zu mehr als einem Statement: Es ist ein erster Atemzug nach dem Tauchgang.
Die Cold-Take Artists kommen aus der Versenkung
Der eigentliche Auslöser für Adlers Post war aber nicht die Trauer allein. Es war das, was danach kam. Kaum waren die Entlassungen bekannt, meldeten sich die Kommentatoren: Avowed 2 gecancelt, Obsidian macht jetzt Fallout, das Studio sei nicht mehr dasselbe, der kreative Geist von New Vegas sei tot – die übliche Melange aus Halbwissen, Panik und Nostalgie.
Adler nennt sie „Cold-Take Artists“. Der Begriff ist eine bewusste Verballhornung der „Hot Takes“ – der schnellen, provokativen Meinungen, die die Aufmerksamkeitsökonomie antreiben. Ein Cold Take ist das Gegenteil: eine Meinung, die kalt, uninformiert und ohne jedes Verständnis für die Realität des Studios daherkommt.
„Wie oft ich Leute gesehen habe, die keine Ahnung haben, wer an unseren vorherigen Spielen gearbeitet hat oder was sie beigetragen haben, und dann erzählen, dass Obsidian nicht mehr das ist, was es mal war – es ist erschütternd“, schreibt Adler. „Meistens liegen sie nicht nur falsch, sondern verbreiten eine enorme Menge an Fehlinformationen.“
Dieselben Leute, dieselbe DNA
Adlers Gegenargument ist überraschend konkret. Statt sich in Plattitüden zu verlieren, listet er auf, wer bei Obsidian heute in Führungspositionen sitzt. Und die Antwort ist: dieselben Leute wie vor 15 Jahren.
„In den meisten Fällen sind die Leute in Führungs- oder Direktorenrollen dieselben, die an The Outer Worlds, Pillars of Eternity und New Vegas gearbeitet haben. Wortwörtlich dieselben Leute. Der rote Faden von KotOR 2 bis zu unseren aktuellen Spielen ist ziemlich klar.“
Das ist ein starkes Argument. Denn der häufigste Vorwurf gegen Obsidian ist ja nicht, dass die Spiele schlecht wären – sondern dass der Zauber von New Vegas oder KotOR 2 verloren gegangen sei. Wenn aber dieselben Leute an der Spitze stehen, die damals schon die kreativen Entscheidungen getroffen haben, dann ist die Frage nicht, ob Obsidian noch das alte Studio ist – sondern ob das Umfeld (Publisher-Wechsel, Layoffs, Projekt-Cancels) es ihnen erlaubt, so zu arbeiten wie früher.
Adler selbst räumt ein: „Ist Obsidian dieselbe Firma wie vor 20 Jahren? Nein, natürlich nicht. Nichts bleibt gleich. Aber die Obsidian-DNA ist dieselbe wie immer. Dieselbe DNA, die KotOR, New Vegas, NWN2 und Stick of Truth erschaffen hat.“
Unangekündigt, aber nicht ohne Plan
Was aus Adlers Post und den aktuellen Berichten nicht hervorgeht, ist die Frage, woran er selbst arbeitet. Sein LinkedIn-Profil verrät nur: Er ist Game Director eines „Unannounced“ Projekts. Was genau das ist, bleibt offen – aber dass einer der erfahrensten Studio-Direktoren ein unangekündigtes Projekt führt, ist zumindest ein Hinweis darauf, dass bei Obsidian nicht alles gecancelt wird.
Die Parallel-Meldung von Chris Avellone, Ex-Mitgründer, dass Avowed 2 noch nicht tot sei und das Team plane, das Projekt später neu vorzuschlagen, zeichnet ein komplexeres Bild als die Schlagzeilen der letzten Tage. Ja, Obsidian hat einen schweren Schlag erlitten. Ja, ein Viertel des Teams ist weg. Aber das Studio selbst – die Leute, die Kultur, die DNA – existiert noch.