Vergesst billige Schockmomente und Monster, die euch im Wandschrank auflauern. Wenn das schwedische Team von Frictional Games die Tastatur anrührt, tut es dort weh, wo es am meisten schmerzt: im eigenen Kopf. Im Rahmen der gamescom Opening Night Live lieferte der Sci-Fi-Mystery-Thriller ONTOS genau den bizarren Vorgeschmack ab, auf den Psycho-Veteranen seit Jahren geiern. Im Zentrum steht Aditi, die durch das umfunktionierte Mondhotel Samsara schleicht und über das Schicksal von Experimenten entscheiden muss, bei denen sich der Magen umdreht.
Ratten-Server und Identitätskrisen auf dem Mond
Der Reveal-Trailer fackelt nicht lange und wirft uns direkt vor die morbide Schöpfung eines gewissen Wissenschaftlers namens Crombie. Dessen Suche nach dem menschlichen Ich endete offenbar in einem Server, der von einem riesigen Klumpen lebender Ratten betrieben wird. Die Maschine verlangt mit verzerrter Stimme nach einer Wiedervereinigung mit ihrem Körper, während dieser Körper wimmernd am Boden fleht, genau das zu verhindern.
Das Schöne daran: ONTOS pfeift auf plumpe Moral-Balken oder ein offensichtliches Richtig und Falsch. Ob ihr den Hebel zieht, die Anlage sabotiert oder euch einfach zurücklehnt, um dem Zerfall zuzusehen, überlässt das Spiel eurer eigenen Skrupellosigkeit. Dass das Studio statt auf Jumpscares viel lieber auf existenziellen Terror setzt, trieft aus jeder Pore dieser Szene.
Physische Hebel, Hallen-Echo und der Schatten von SOMA
Spielerisch knüpft das Gezeigte nahtlos an die DNA des Studios an. Eine physikbasierte Interaktions-Pipeline lässt euch Türen, Schalter und Terminals mit analoger Maus- oder Stick-Bewegung bedienen, statt nur stumpf Tasten zu drücken. Wenn der analoge Trigger beim Ziehen rostiger Sicherheitshebel sperrt, spürt man das virtuelle Gewicht förmlich in den Fingerknöcheln. Das erinnert im besten Sinne an die unbarmherzige Haptik aus Amnesia: The Bunker, während das beklemmende Pacing die Tiefsee-Paranoia von SOMA auf den staubigen Mondboden verfrachtet.
Akustisch fährt Frictional schwere Geschütze auf. Das binaurale 3D-Audio-Spatializing lässt das Schaben tausender Nagetiere durch verrostete Lüftungsschächte kriechen, während das volumetrische Partikel-Rendering in den dekomprimierten Korridoren für pure Beklemmung sorgt. Dazu gesellt sich Schauspiel-Schwergewicht Stellan Skarsgård im Voice-Cast, was der beklemmenden Atmosphäre noch mehr Gravitas verleiht.
Ein Fest für Masochisten – mit langer Wartezeit
ONTOS beweist schon im ersten Gameplay-Schnipsel, dass Frictional Games sein Handwerk nicht verlernt hat. Die Idee, philosophische Dilemmata als spielbare, teils abstoßende Versuchsanordnungen zu inszenieren, hebt den Titel meilenweit vom üblichen Einheitsbrei ab. Das wird kein Spiel für zwischendurch. Das wird harter Tobak.
Bitter schmeckt aktuell nur der Kalender. Dass die Entwickler nach der Verschiebung auf 2027 noch jede Menge Feinschliff vor sich haben, zwingt Fans zu einer gewaltigen Geduldsprobe. Wer die Nerven testen will, kann das Ratten-Experiment immerhin auf der gamescom in Halle 10.1 am eigenen Leib ausprobieren. Für alle anderen heißt es: Wunschliste füllen und mental auf den nächsten großen Frictional-Mindfuck einstellen.
