Wer unterwegs auf dem Smartphone zocken wollte, stand bislang vor einer undankbaren Wahl: Entweder schleppte man sperrige Controller-Halterungen mit sich herum, die jede Hosentasche sprengten, oder man quälte sich mit unpräziser Touchscreen-Bedienung. Mit dem Prio schickt Razer nun ein faltbares Eingabegerät für iPhone und Android ins Rennen, das diesen Formfaktor-Konflikt ein für alle Mal beenden soll.
Kreditkarten-Format und kapazitive Sticks gegen den Verschleiß
Das Konzept bricht radikal mit dem bisherigen Ansatz mobiler Eingabegeräte. Während frühere Modelle wie der Razer Kishi V3 darauf abzielten, das Smartphone in eine vollwertige, aber sperrige Handheld-Konsole zu verwandeln, setzt der Prio auf maximale Schrumpfung. Statt einer starren Schale nutzt das Zubehör eine ausgeklügelte Faltmechanik, die sich nach dem Auspacken mit einer einzigen Drehbewegung entriegelt.
Diese Drehbewegung verwandelt ein extrem kompaktes Paket in ein vollwertiges Gamepad. Zusammengeklappt misst das Gehäuse schlanke 107 mal 67 mal 23 Millimeter und wiegt lediglich 101 Gramm, womit es problemlos in jede Jacken- oder Hosentasche gleitet. Entfaltet nimmt die Halterung Bildschirme bis zu einer Diagonale von 7 Zoll auf, sodass selbst schwere Spitzenmodelle wie das iPhone 17 Pro Max oder das Samsung Galaxy S26 Ultra samt Hülle stabil im Rahmen sitzen.
Trotz der geringen Bauhöhe verzichtet das Layout weder auf analoge Trigger noch auf ein vollwertiges Steuerkreuz. Den eigentlichen Technologiesprung markieren jedoch die verbauten Daumensticks, bei denen Razer erstmals auf kapazitive Sensoren setzt. Da die Positionsbestimmung vollkommen kontaktlos über elektrische Kapazitätsänderungen erfolgt, entfallen die mechanischen Schleifkontakte klassischer Potenziometer, was dem berüchtigten Stick-Drift von vornherein die physikalische Grundlage entzieht.
Präzise Steuerbefehle nützen im mobilen Gefecht allerdings wenig, wenn die Signalübertragung hinterherhinkt. Razer umgeht dieses Latenzproblem durch den direkten Anschluss über den integrierten USB-C-Stecker, der das Smartphone ohne spürbare Verzögerung anbindet. Weil das Eingabegerät den Strom direkt über das Telefon bezieht, entfallen lästige Ladezeiten und zusätzliche Akkus, was das geringe Reisegewicht überhaupt erst möglich macht.
Nahtlose Cloud-Anbindung und leise Tasten für die U-Bahn
Die direkte USB-C-Anbindung zahlt sich vor allem bei schnellen Titeln aus und setzt softwareseitig auf breite Unterstützung. Wie der Hersteller auf der offiziellen Produktseite des Prio aufführt, arbeitet die Hardware ab Werk reibungslos mit iOS 18 sowie Android 14 und neueren Systemen zusammen. Spieler müssen keine umständlichen Pairing-Menüs durchforsten, sondern können direkt nach dem Einstecken ins Spielgeschehen einsteigen.
Dieser unkomplizierte Zugriff kommt vor allem den etablierten Cloud- und Remote-Diensten zugute. Plattformen wie Xbox Cloud Gaming, Steam Link oder PlayStation Remote Play lassen sich ohne aufwendige Tastenbelegung ansteuern. Wer die eigene Desktop-Grafikkarte für unterwegs einspannen will, nutzt Razer PC Remote Play, um anspruchsvolle PC-Games direkt auf das Smartphone zu spiegeln.
Um diesen Wechsel zwischen den Streaming-Welten zu beschleunigen, sitzt auf der Frontseite ein dedizierter Button für Razer Cortex Mobile. Ein einzelner Tastendruck ruft die gebündelte Spielebibliothek auf, ohne dass man sich durch verschachtelte Smartphone-Menüs wischen muss. Damit das mobile Zocken im überfüllten Pendlerzug oder im Wartezimmer keine Blicke auf sich zieht, setzt Razer zudem auf besonders leise taktile Tasten, die knackige Druckpunkte mit minimaler Geräuschentwicklung verbinden.
Razers radikale Schrumpfkur und die Frage nach der Haltbarkeit
Mit dieser Ausrichtung reagiert Razer auf eine spürbare Sättigung im Markt für Smartphone-Zubehör. Unter der Leitung von Travis Furst, dem Chef der Konsolen- und Hardware-Sparte bei Razer, vollzieht das Unternehmen einen spürbaren Kurswechsel: Weg von gigantischen Klemmen, die Taschen sprengen, hin zu alltagstauglicher Hardware, die Pendelzeiten und Zwischenstopps sinnvoll füllt. Mit einem Einstiegspreis von knapp 100 US-Dollar platziert sich das Modell genau auf Augenhöhe mit bisherigen Standard-Controllern.
Doch: Trotz aller Begeisterung für die Ingenieursleistung bleibt das Klappscharnier die Achillesferse des Konzepts.
Wer täglich im Nahverkehr unterwegs ist, weiß, wie unbarmherzig Schmutz, Krümel und der Druck voller Rucksäcke auf filigrane Faltmechanismen einwirken. Sollte die Drehverriegelung nach monatelangem Dauereinsatz ausleiern oder Staub in die Gelenke ziehen, verpufft der Vorteil des kleinen Formfaktors schnell. Hält die Konstruktion den Strapazen stand, markiert der Prio jedoch den ersten echten Schritt weg von klobigen Zubehör-Kompromissen hin zu echter mobiler Spielfreude.