Owlcat Games überlässt bei seinem ambitionierten Sci-Fi-Ausflug nichts dem Zufall und holt für The Expanse: Osiris Reborn echte Rollenspiel-Prominenz ins Boot. Nach holprigem Feedback aus den ersten Spieltests schärft das Studio nicht nur bei den Sprechern nach, sondern sichert sich die Schreibfeder von BioWare-Legende David Gaider. Das ist kein müder Marketing-Coup, sondern ein überfälliges Versprechen an alle, die auf packende Dialoge und moralische Zwangslagen hoffen.
Ein alter Meister schärft die Dialoge
David Gaider steigt bei den Rollenspiel-Spezialisten von Owlcat Games ein, um bestimmten Teilen der Story den nötigen Feinschliff zu verpassen. Wie der Schöpfer der Dragon-Age-Welt auf seinem Bluesky-Kanal verriet, läuft die Zusammenarbeit parallel zu seiner Arbeit bei Summerfall Studios. Für den Autoren-Veteranen war der Einstieg eine Herzensangelegenheit, wie er selbst schreibt: „The Expanse gehört schon sehr lange zu meinen absoluten Lieblingsserien, deshalb habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt.“ Welche Bereiche er genau übernimmt, bleibt vorerst unter Verschluss, doch der Zeitpunkt könnte kaum brisanter sein.
Denn hinter den Kulissen reagiert das Studio spürbar auf die Rückmeldungen der Community. Erst kürzlich hatten die Entwickler die Hauptrollen umbesetzt, nachdem der männliche Captain in früheren Spielszenen auf wenig Gegenliebe stieß. Wer ein glaubhaftes Universum aufbauen will, braucht greifbare Figuren statt hölzerner Schablonen. Gaiders Verpflichtung beweist, dass Owlcat die Baustellen der Handlung genauso ernst nimmt wie das Feedback zu den Sprechern. Vor allem die Art und Weise, wie Gefährten miteinander interagieren, trägt seit jeher die unverkennbare Handschrift des Kanadiers.
In dunklen Ecken glänzen Gaiders Figuren
Genau diese kantigen Persönlichkeiten machten Rollenspiele wie Baldur’s Gate 2, Star Wars: Knights of the Old Republic und Dragon Age: Origins zu Klassikern. Gaider erfand einst Thedas, schrieb Fan-Lieblinge wie Alistair oder Morrigan und formte die Grauen Wächter zu einer zerrissenen Truppe, die man nicht so schnell vergisst. Seine Spezialität sind loyale Begleiter mit spürbaren Brüchen und schmerzhaften Eigenheiten. Im gnadenlosen Gürtel von The Expanse, wo Sauerstoff knapp und Vertrauen tödlich ist, passt dieser raue Schreibstil wie eine Druckschleuse.
Der Veteran kennt aus seiner langen Laufbahn auch spürbaren Gegenwind. Nach frühen Arbeiten an Anthem verließ er BioWare im Jahr 2016 wegen kreativer Differenzen über die Ausrichtung des Projekts, heuerte kurz bei Beamdog an und gründete schließlich Summerfall Studios, um mit Stray Gods eigene Wege zu gehen. Diese Branchenerfahrung schützt vor leichtfertigen Fehlern. Für die düstere Sci-Fi-Vorlage braucht es jemanden, der moralische Grauzonen versteht und weiß, wann eine Szene Raum zum Atmen benötigt. Genau dieses Gespür für packende Dynamik entscheidet darüber, ob der gewagte Umbau des Studios gelingt.
Der Perspektivwechsel verlangt dem Studio alles ab
Bislang stand der Name Owlcat Games für gigantische Rollenspiel-Schwergewichte wie Pathfinder: Wrath of the Righteous oder Rogue Trader, in denen Taktiker stundenlang Regelwerke wälzten. Mit dem neuen Projekt vollzieht die Mannschaft einen radikalen Schnitt. Statt aus der Vogelperspektive Truppen zu kommandieren, steuern Spieler ihren Captain durch einen düsteren Third-Person-Cover-Shooter auf Basis der Unreal Engine 5. Das weckt unweigerlich Erinnerungen an Genre-Könige vergangener Tage, wie die Entwickler bereits bei früheren Vergleichen mit Mass Effect offen einräumten.
Doch ein Shooter steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit seiner Spielwelt. Als die Macher ihre geschlossene Beta für Founder starteten, lobten viele Tester zwar die drückende Atmosphäre in der Schwerelosigkeit, forderten aber mehr Feinschliff im Ablauf und bei den Begleitern. Genau an dieser Nahtstelle greift nun David Gaider an. Das Studio will beweisen, dass es die erzählerische Tiefe seiner Isometrie-Wurzeln nahtlos in ein modernes Action-Gewand übertragen kann.
Geplant ist die Veröffentlichung für das Frühjahr 2027 auf dem PC, der PlayStation 5 und den Xbox Series X/S. Bis dahin bleibt den Teams genügend Spielraum, um Steuerung, Schusswechsel und Figurenzeichnung aufeinander abzustimmen. Sollte die Mischung aus harter Sci-Fi, taktischem Deckungskampf und Gaiders Gespür für Charaktere aufgehen, könnte Owlcat das Kunststück gelingen, das BioWare seit Jahren schuldig bleibt: ein packendes Weltraum-Abenteuer mit echter Relevanz abzuliefern.