The Witcher 3 steht elf Jahre nach dem Debüt vor einem beispiellosen Experiment: Mit Songs of the Past schiebt CD Projekt RED eine späte Story-Erweiterung nach, doch die Frage nach dem Preisschild erhitzt die Gemüter. Community-Chef Marcin Momot rechtfertigt die historische Preisgestaltung der gefeierten Add-ons nun als bewussten Dank an treue Fans. Ein Rückblick mit klarer Kante, der für das nächste Kapitel allerdings eine gewaltige Fallhöhe schafft.
Der Mythos vom ehrlichen Gegenwert
Marcin Momot stellt das Preisschild der alten Hexer-Erweiterungen rückblickend als reines Dankeschön an die Spielerschaft dar. In einem aktuellen Interview mit MP1st legte der globale Community-Chef dar, warum der damalige Erweiterungspass für Hearts of Stone und Blood and Wine gemessen am Inhalt fast schon spottbillig wirkte. Die Motivation sei damals schlicht gewesen, die Messlatte für umfangreiche Zusatzinhalte neu zu definieren und den Vertrauensvorschuss der Käufer nach dem gewaltigen Hauptspiel nicht auszunutzen.
„Wir wollten vor allem Qualität zu einem guten Preis bieten“, betont Momot im Rückblick auf die damalige Strategie. „Als wir The Witcher 3 fertigstellten und über Erweiterungen nachdachten, sagten wir immer, dass wir etwas schaffen wollten, das echten Gegenwert fürs Geld darstellt. Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir ins Schwarze getroffen haben.“
Daran gibt es wenig zu rütteln. Für knapp 25 Euro lieferte das polnische Studio damals zwei Abenteuer ab, die viele Vollpreisspiele bis heute alt aussehen lassen. In einer Ära, in der Publisher für simple Rüstungsfarben gerne zwanzig Euro aufrufen, wirkt diese Philosophie fast wie aus der Zeit gefallen. Doch dieses historische Loblied hat einen Haken: Es setzt die Messlatte für die anstehende Rückkehr des Hexers verdammt hoch an.
Fool’s Theory erbt die Bürde der Legenden
Genau an diesem Erbe muss sich die angekündigte Erweiterung Songs of the Past messen lassen. Die Warschauer Zentrale überlässt die Fleißarbeit diesmal dem Partnerstudio Fool’s Theory, während das eigene Team mit über 500 Köpfen an Polaris werkelt. Rund 190 Entwickler stricken an Geralts spätem Nachklapp – ein massiver personeller Aufwand für ein Spiel, das viele schon im ewigen Ruhestand wähnten.
Inhaltlich schlägt das Studio eine emotionale Saite an. Rittersporn rückt ins Zentrum des Geschehens, um die langjährige Freundschaft zwischen dem Barden und Geralt zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Bemerkenswert ist dabei die direkte Verknüpfung mit Blood and Wine, deren Spielstände und Entscheidungen unmittelbar in das neue Abenteuer einfließen.
Wer Geralts Ruhestand im sonnigen Toussaint bereits genossen hat, wird spüren, wie die Vergangenheit den Hexer wieder einholt. Dass Fool’s Theory parallel am Remake des ersten Serienteils feilt, unterstreicht das Vertrauen in die Truppe. Das Interesse der Fans ist ungebrochen, doch der Markt von 2027 verzeiht keine Fehler bei der Kassenpolitik.
900.000 Wunschlisten und ein riskanter Kassensturz
Über 900.000 Einträge auf den Wunschlisten sammelte Songs of the Past unmittelbar nach der Ankündigung auf der Gamescom ein. Die Zahl beweist eindrucksvoll, dass Geralt von Riva selbst nach über einer Dekade mehr Zugkraft besitzt als die meisten frischen Marken. Erst im Herbst pulverisierte das kostenlose Next-Gen-Upgrade den bisherigen Spieler-Rekord auf Steam, als über 120.000 Abenteurer gleichzeitig durch Velen streiften.
Mit 65 Millionen verkauften Einheiten hat sich der Hexer längst in die Geschichtsbücher eingebrannt. Doch genau hier beginnt die Gratwanderung für CD Projekt RED. Die Zeiten, in denen eine massive Erweiterung für 15 oder 20 Euro über die digitale Ladentheke wanderte, sind in der heutigen Blockbuster-Industrie praktisch vorbei. Die Konkurrenz ruft für vergleichbare Umfänge inzwischen schmerzhafte 40 Euro ab.
Momots Schwelgen in der eigenen Fan-Nähe ist sympathisch, aber auch ein taktisches Wagnis. Wenn Songs of the Past 2027 für PC, PlayStation 5, Xbox Series X/S und Nintendo Switch 2 erscheint, muss das Studio Farbe bekennen. Sollte das Studio an der Preisschraube überdrehen, verpufft der nostalgische Zauber schneller, als ein Igni-Funke erlischt. Wer den fairen Gegenwert als Markenkern zementiert, darf an der Kasse keine bösen Überraschungen servieren.