Trails in the Sky 2nd Chapter ist seit dem 17. September auf dem Markt, und die Zahlen sind eindeutig: 92 Punkte auf OpenCritic, 96 Prozent positive Nutzerbewertungen auf Steam. Das Remake eines JRPGs, dessen Original 2006 nur in Japan erschien, hat sich ohne großes Marketing-Budget an die Spitze der Jahreswertungen gesetzt. Nihon Falcom beweist damit, dass erzählerische Tiefe und mechanische Präzision schwerer wiegen als Spektakel. Wer die Trails-Serie kennt, wusste es. Wer sie nicht kennt, hat jetzt einen Grund, es zu ändern.
92 Punkte und kein einziger Ausreißer
Ein OpenCritic-Score von 92 ist keine Nebenerscheinung. 97 Prozent der 36 erfassten Kritiker empfehlen Trails in the Sky 2nd Chapter ausdrücklich, und die Steam-Community stimmt mit 96 Prozent „äußerst positiv“ zu. Zum Vergleich: Der Vorgänger Trails in the Sky 1st Chapter lag bei 90 Punkten – ein hervorragender Wert, den das Remake dennoch übertrifft. Das ist in der JRPG-Remake-Landschaft bemerkenswert, weil Fortsetzungen selten die Qualität ihrer Vorgänger halten, geschweige denn steigern.
Die Kritiker loben vor allem zwei Dinge: die visuelle Überarbeitung, die die Welt von Liberl erstmals in moderner Grafik zeigt, und das Kampfsystem, das Echtzeit-Action mit rundenbasierten Kämpfen verbindet. Wer den Vorgänger gespielt hat, findet sich sofort zurecht. Wer neu einsteigt, bekommt ein Tutorial, das nicht bevormundet.
Doch was steckt hinter diesen Zahlen?
Ein Remake, das sein Original nicht kopiert, sondern versteht
Das Original The Legend of Heroes: Trails in the Sky SC erschien am 9. März 2006 in Japan für Windows. Der Westen musste bis 2015 warten. Zwanzig Jahre später ist die Geschichte um Estelle Bright und ihre Suche nach ihrem Bruder Joshua unverändert – und genau das ist die Stärke des Remakes. Nihon Falcom hat nicht versucht, die Erzählung zu modernisieren oder an westliche Sehgewohnheiten anzupassen. Die Charaktere bleiben, wie sie waren: schrullig, verletzlich, eigenwillig.
Was sich geändert hat, ist die Verpackung. Die Menüs sind übersichtlicher, die Ladezeiten kürzer, die Kampfanimationen flüssiger. Aber der erzählerische Kern – die langsame, detailreiche Entwicklung einer Gruppe von Figuren, die man über Dutzende Stunden begleitet – ist unangetastet. Das ist der Unterschied zu Remakes, die ihre Vorlage als Hindernis betrachten statt als Grundlage.
Und genau das macht den Unterschied im GOTY-Rennen aus.
Estelle Bright gegen die AAA-Giganten
2026 ist ein Jahr der Schwergewichte. GTA 6, ein Ocarina of Time Remake, Marvel’s Wolverine – die Liste der Spiele, die um den Game of the Year Titel kämpfen, ist lang und teuer. Trails in the Sky 2nd Chapter hat keines dieser Budgets. Es hat nicht einmal eine Marketing-Kampagne, die diesen Namen verdient. Was es hat, ist eine Fangemeinde, die seit zwei Jahrzehnten auf genau dieses Spiel wartet – und die jetzt belohnt wird.
Die Trails-Serie ist berüchtigt dafür, dass ihre Erzählung über mittlerweile mehr als zehn Spiele hinweg zusammenhängt. Wer mit dem zweiten Kapitel beginnt, versteht die Geschichte trotzdem. Aber wer beide Kapitel spielt, versteht, warum diese Serie in Japan seit Jahren Kultstatus genießt. Nihon Falcom hat bewiesen, dass ein Remake kein Remake sein muss, um erfolgreich zu sein. Es muss nur gut sein.
Ob das für den GOTY-Titel reicht, entscheidet sich im Dezember. Aber die Nominierung für den besten RPG-Award dürfte Trails in the Sky 2nd Chapter bereits jetzt sicher sein.
