Capcom verkündet im Earnings Call stolz, dass 90 Prozent der Verkäufe von Resident Evil Requiem digital laufen – und schiebt Sonys Disc-Aus damit elegant beiseite. Ampere Analytics-Daten, die Christopher Dring aufgriff, erzählen eine andere Geschichte. In Frankreich kaufen über 55 Prozent der Spieler die Disc, in Japan über 51 Prozent, in Australien 43, im Vereinigten Königreich 40. Nur die USA fallen mit 22 Prozent tatsächlich aus dem Raster. Wer Sonys Disc-Aus mit „die Zukunft ist digital“ erklärt, sollte vorher einen Blick auf Europa und Japan werfen.
„Nicht alle Märkte sind gleich gebaut“ – die regionalen Zahlen
Drings Punkt ist kurz, aber präzise: Der digitale Übergang passiert nicht überall gleichzeitig. Während Capcom in der jüngsten Bilanz rund 90 Prozent aller Einheiten als digital verbucht, zerlegt die regionale Ebene dieses Bild in eine Ansammlung sehr unterschiedlicher Realitäten. Die USA führen den Digital-Trend an, doch Frankreich und Japan halten das physische Medium noch auf breiter Front am Leben – über 50 Prozent ihrer Requiem-Verkäufe laufen über Discs.
Was diese Zahlen zeigen, ist keine Nostalgie, sondern Infrastruktur. In Japan sind Secondhand-Läden wie GEO und Book-Off Teil der Spielkultur; eine Disc hat dort einen Tausch- und Wiederverkaufswert, den es in digitaler Form schlicht nicht gibt. In Frankreich halten große Handelsketten wie Micromania das physische Sortiment prominent. Wer behauptet, dieser Markt sei unbedeutend, missversteht nicht nur den Kunden, sondern das gesamte kulturelle Fundament des Verkaufs.
Und genau hier liegt der Haken in Capcoms Rechnung. Die 90 Prozent Zahl ist korrekt – aber sie bezieht sich auf das Gesamtbild eines Publishers, der längst mehrheitlich auf PC und Steam setzt. So kommt der Konzern inzwischen auf 93 Prozent digitale Verkäufe, und 54,5 Prozent seines Absatzes laufen über PCs. Ein Konsolenspiel wie Requiem, das physisch vor allem in Europa und Japan verkauft wird, fällt in dieser globalen Mischkalkulation durch.
Capcom winkt ab – doch die 30 Prozent Frage bleibt
Für Capcom selbst ist die Sache scheinbar erledigt. Im selben Earnings Call betont der Publisher, dass Sonys Januar-2028-Deadline kaum Auswirkungen haben werde – die eigenen Zahlen sprächen ja für den digitalen Weg. Der CI Games-CEO Marek Tyminski rechnet allerdings vor, dass die Disc schon 2027 verschwinden könnte – getrieben eben von genau solchen Hersteller-Entscheidungen auf einem Teppich, den die Kunden nie bestellt haben.
Dabei übersieht Capcoms Sorglosigkeit einen grundlegenden Konflikt. Sony kassiert bei jedem physischen Verkauf seine Lizenzgebühr und die Händlermarge – beim digitalen Verkauf bleibt Sony rund 30 Prozent des Preises als eigene Marge. Das ist kein Randaspekt, sondern der eigentliche wirtschaftliche Anreiz: Je weniger Discs verkauft werden, desto mehr von jedem Euro fließt direkt an Sony. Dass der Konzern seine Verantwortung für den Secondhand-Markt mit rund 7,2 Milliarden Dollar globalem Volumen dabei ignoriert, macht die Sache nicht besser.
Und dann ist da noch die Frage, warum Capcom ausgerechnet jetzt die Gefahr kleinredet. Die Antwort liefert das eigene Zahlenwerk: Auch Take-Two-CEO Strauss Zelnick feiert 90 Prozent digitale Verkäufe – eine Prozentzahl, die vor allem dadurch zustande kommt, dass Mobile-Umsätze, Mikrotransaktionen und virtuelle Währungen mitgezählt werden. Wer den Secondhand-Markt aus den Zahlen modelliert, der tendiert dazu, Probleme wegzulassen, die gerade auf der anderen Seite der Rechnung liegen.
Der „Tugendkreislauf“, der nie dem Zufall überlassen bleibt
Ein Detail aus dem Capcom Earnings-Call verdient eigene Aufmerksamkeit: Der Erfolg von Requiem habe auch den Verkauf der Remakes angekurbelt. „Verkäufe der Resident Evil Serientitel wuchsen im Zuge des zunehmenden Interesses an Resident Evil Requiem“, heißt es von Capcom. Man habe sogar neue Nutzer begrüßt, die über ältere Titel zur Serie stießen – ein „Tugendkreislauf“, in dem Neu- und Altverkäufe gemeinsam wachsen.
Das klingt nach einer schönen Erfolgsstory – und übersieht einen entscheidenden Punkt. Genau dieser Wiederkaufmarkt lebt davon, dass man alte Teile günstig oder gebraucht bekommt. Wenn neue Discs wegfallen und digitale Lizenzen zum vollen Preis bleiben, dürfte genau dieser Kreislauf unter Druck geraten.
Die Remakes von Resident Evil 2, 3 und 4, die sich dank Requiem angeblich besser verkaufen, werden häufig eben nicht zum Neupreis gekauft, sondern gebraucht. Dass Capcom die eigene Verkaufsstory feiert, während es gleichzeitig Sonys Disc-Aus mitträgt, das gegen diesen Markt arbeitet, ist ein Widerspruch, den der Earnings Call bequem verschweigt.



