Stell dir vor, du arbeitest am wichtigsten Spiel der Dekade. Dein Bonus hängt von der Laune deines Chefs ab. Der Gender Pay Gap wird größer, nicht kleiner. Und Crunch steht nicht nur als ungeschriebenes Gesetz im Raum – er ist buchstäblich Teil deines Arbeitsvertrags. Keine Horrorgeschichte – das ist der Alltag bei Rockstar Games, fünf Monate vor dem Launch von GTA 6. Jetzt reden die Betroffenen.
Bonus-Willkür und Gender Pay Gap: So undurchsichtig ist Rockstars Bezahlsystem
Die Rockstar Game Workers Union (RGWU) hat im Gespräch mit Game Developer ein System beschrieben, das nach Willkür riecht. Ein Großteil des Gehalts besteht aus Boni – und die schwanken wild, ohne nachvollziehbare Begründung.
Mal ist der Bonus ein echter Glücksfall, mal eine Enttäuschung, die das Jahresgehalt weit unter die Erwartung drückt. Die Kriterien? Mal vage, mal inkonsistent zwischen Abteilungen – und manchmal hängen sie von völlig subjektiver Kritik ab.
Hinzu kommt: Der Gender Pay Gap hat sich bei Rockstar vergrößert, nicht verkleinert. Programme zur Bekämpfung wurden eingestellt. Nachtarbeiter bekommen keine Zuschläge mehr.
Crunch als Vertragsstandard – und was die Gewerkschaft dagegen tut
Crunch ist bei Rockstar nichts Neues. Red Dead Redemption 2 hat das schon gezeigt. Neu ist die Dreistigkeit, mit der er in den Verträgen verankert wird.
Standardmäßig unterschreiben Mitarbeiter ein Opt-out aus den britischen Working Time Regulations. Die Vorschrift schützt vor mehr als zehn Überstunden pro Woche. Der Verzicht liegt direkt im Vertrag – keine Extra-Schleife, kein Gang zur HR. Wie Game Developer berichtet, sind diese Opt-outs in den Arbeitsverträgen festgeschrieben.
Die RGWU hat genau das zum Thema gemacht. Eine Aufklärungskampagne informierte die Belegschaft über ihre Rechte. Mit Erfolg: Rockstar hat den Opt-back-in-Prozess vereinfacht.
Doch die Gewerkschaftsmitglieder sehen ein tieferes Problem. Das Unternehmen definiere Crunch einfach um, so der Vorwurf. Wer Überstunden finanziell entschädigt, habe das Problem noch nicht gelöst – sondern nur umetikettiert.
Remote Work versprochen, Remote Work gebrochen
Während der Pandemie führte Rockstar flexible Arbeitsmodelle ein. Das Versprechen: Die Regelung bleibt auch nach der Krise bestehen. Viele Mitarbeiter richteten ihr Leben danach aus.
Dann kam die Kehrtwende. Vollzeit im Büro, zur „Förderung der Zusammenarbeit“. Die Führungskräfte dürfen weiter remote arbeiten. Für den Rest der Belegschaft gilt das nicht.
„Wir haben kein Mitspracherecht bei der Frage, wer unsere Vorgesetzten sind“, sagt ein RGWU-Mitglied. „Wir müssen trotzdem mit ihnen arbeiten und hoffen, dass sie Vertrauen aufbauen wollen.“ Ein Satz, der das Machtgefälle perfekt zusammenfasst.
Fünf Monate vor GTA 6: Was die Vorwürfe für den Launch bedeuten
GTA 6 erscheint am 19. November. Der wichtigste Release des Jahrzehnts, ein Spiel, das die Industrie elektrisiert. Und hinter den Kulissen gärt es.
Die Frage ist nicht, ob GTA 6 pünktlich kommt. Die Frage ist, zu welchem Preis für die Menschen, die es bauen. Der öffentliche Druck zwingt Rockstar in eine Defensive, die es so noch nicht erlebt hat.
Take-Two Interactive hat reagiert. Man wolle sich mit der Gewerkschaft treffen, heißt es in einem Statement. „Wir schätzen einen offenen und konstruktiven Dialog.“ Klingt nach PR – aber die Gewerkschaft sieht erste Erfolge.
Seit Oktober gab es beispiellose Gehaltserhöhungen in den vertretenen Studios. Zum ersten Mal gibt es finanzielle Anreize für Überstunden. „Der Zeitpunkt ist kein Zufall – Organisation funktioniert“, so ein RGWU-Mitglied.
