Destiny 2 erlebt gerade das wohl seltsamste Phänomen seiner Geschichte: Treue Hüter kaufen den kriselnden Extraction-Shooter Marathon, um Bungie finanziell durch die Vorproduktion gestrichener Raids zu schleppen. Head of Product Josh Deane schiebt dieser bizarren Dynamik nun öffentlich einen Riegel vor. Bungie verlangt keinen Cent als Treuebeweis und will sich das Vertrauen der Spieler erst wieder auf dem Bildschirm verdienen, bevor frisches Geld fließen darf.
Warum Bungie das Geld treuer Hüter gerade ablehnt
Spieler kaufen ein Vollpreisspiel, das sie gar nicht zocken wollen, nur um einem Studio über die Runden zu helfen. Was nach einer absurden Groteske aus dem modernen Live-Service-Zirkus klingt, ist in den Foren gerade bitterer Ernst. Verunsicherte Hüter investierten ihr Geld in Bungies neuen Mehrspieler-Titel, um die Zukunft ihres Stammspiels abzusichern.
In einer Stellungnahme auf X versuchte Josh Deane, Head of Product für Destiny und General Manager von Marathon, die Wogen zu glätten. Zuvor hatten Aussagen aus einer Fragerunde für Verwirrung gesorgt, in denen Deane davon sprach, dass beide Lager gemeinsam heilen müssten. Etliche Hüter verstanden diesen Appell offenbar als Aufruf zum finanziellen Schulterschluss und zückten die Kreditkarte für einen Titel, der sie spielerisch überhaupt nicht reizt.
Deane stellte daraufhin klar, dass seine Wortwahl missverständlich war. „Ich mag das vielleicht ungeschickt formuliert haben, aber das ist der wahre Kern dessen, was ich sagen wollte“, erklärte der Manager. Bungie wolle den gegenseitigen Respekt der Lager fördern, erwarte aber keineswegs erzwungene Solidaritätskäufe. „Spielt und teilt das, wofür ihr brennt – was auch immer es ist. Der Plan für Destiny geht so oder so weiter.“
Auf die Beichte eines Spielers, der Marathon ausschließlich als Überlebenshilfe für das Studio erwarb, reagierte Deane so: „Ich liebe diesen Gedanken wirklich, aber kauft oder spielt nur etwas von uns, das euch begeistert oder das ihr cool findet! Wir werden mit Destiny unseren Weg nach Hause finden.“ Erst wenn das Team wieder handfeste Qualität abliefert, habe man das Recht, Geld zu verlangen – „das ist es auf den Punkt gebracht.“
Bungie will kein Almosen – das Studio braucht wieder spielerische Relevanz.
Marathon taugt nicht als Spendenbüchse für gestrichene Inhalte
Die Schieflage zwischen den beiden Projekten könnte ohnehin kaum drastischer ausfallen. Während Bungies teurer Extraction-Shooter seit Monaten mit schwachen Zahlen auf Steam kämpft und kaum dauerhafte Bindung erzeugt, hält der betagte Vorgänger trotz Content-Flaute die loyalere Gefolgschaft. Ausgerechnet diese vernachlässigte Spielerschaft sollte nun als Sponsor für das neue Sorgenkind einspringen – ein Vorgang, der die verfahrene Studiopolitik nach den schweren Entlassungswellen des Sommers schonungslos entlarvt.
Hinter dem Mitleidskauf steckt nämlich die berechtigte Furcht, Sony könnte den Stecker ziehen, bevor Bungie seine Altlasten beseitigt. Nach dem Kahlschlag von fast 300 Mitarbeitern im Juni 2026 und massiven Abschreibungen des Mutterkonzerns steht das Studio unter brutaler Beobachtung. Ein künstlicher Umsatzschub bei Marathon nützt den Entwicklern allerdings wenig, wenn die Server leer bleiben. Ein Mehrspieler-Titel stirbt an verwaisten Lobbys, nicht an fehlenden Alibi-Verkäufen.
Gleichzeitig hat Bungie die eigene Community erst vor wenigen Wochen mit großen Versprechungen aufgeschreckt. Die angekündigte Rückkehr der alten Kampagnen soll genau jene Lücke schließen, die mit der Erweiterung Beyond Light ins Spiel gerissen wurde. Die Vorfreude auf alte Schauplätze und die beliebte Menagerie ist riesig, doch die technische Umsetzung gleicht einer Operation am offenen Herzen. Dieser gewaltige Berg an Arbeit zwingt das Management nun zu einer schmerzhaften Einsicht beim Zeitplan.
Bungie schwänzt die große Bühne im Dezember ganz bewusst
Wer darauf gehofft hatte, noch in diesem Winter erste Spielszenen des Comebacks zu sehen, muss sich auf eine lange Durststrecke einstellen. Das Unvaulting-Projekt befindet sich laut Deane noch mitten in der zähen Vorproduktion. Bungie sortiert aktuell Code-Trümmer, überarbeitet alte Raid-Mechaniken und prüft, wie viele Schmelztiegel-Karten überhaupt noch in die moderne Engine passen. Für schnelle Trailer oder voreilige Versprechungen fehlt schlicht das spielbare Material.
Genau deshalb folgt nun auch die offizielle Absage der Game Awards im Dezember. Deane schob Spekulationen über einen Überraschungs-Auftritt bei Geoff Keighley bereits einen Riegel vor: „Erwartet in diesem Jahr keine Ankündigung zu Destiny bei den Game Awards oder dass wir aus dem Nichts ein Logo droppen, das sofort die Welt in Brand setzt.“ Nach Jahren verbrannter Erde setzt das Studio erstmals auf radikale Schadensbegrenzung statt hohler Hype-Maschinerie.
Deane bezeichnet diese Phase intern als echten Reset-Moment, bei dem das Team mit dem Rücken zur Wand agiert. Man spiele aus dem Rückstand heraus und wisse genau, dass die Zeit gegen das Studio laufe. Wenn Bungie die Community nun auffordert, das eigene Portemonnaie stecken zu lassen, ist das die einzig ehrliche Konsequenz aus dieser Lage. Wer Vertrauen verspielt hat, muss liefern – und darf kein Schmerzensgeld verlangen.


