NCSoft verschiebt Horizon Steel Frontiers. Das Horizon-MMORPG, das im November 2025 auf der koreanischen G-Star-Messe für Furore sorgte, sollte ursprünglich 2026 erscheinen – jetzt peilt das Studio die erste Hälfte 2027 an. Die Nachricht kommt nicht etwa via Twitter oder Entwickler-Blog, sondern eingebettet in eine nüchterne Investoren-Präsentation. Und genau darin liegt die Sprengkraft: Zwischen den Zeilen dieses Dokuments verstecken sich Entscheidungen, die das gesamte Projekt in einem anderen Licht erscheinen lassen.
- Kein PS5-Release für ein Sony-Spiel – die diplomatische Bombe im Investorenbericht
- Decima raus, Unreal Engine 5 rein: Warum das Horizon-MMO nicht Guerrillas Engine nutzt
- Zwei Horizon-Multiplayer-Projekte gleichzeitig: Strategischer Masterplan oder Kannibalisierung?
- Free to Play, Mobile-Fokus und NCSofts schwieriger Track-Record
Kein PS5-Release für ein Sony-Spiel – die diplomatische Bombe im Investorenbericht
Horizon ist eines der wichtigsten First Party Franchises von Sony. Dass ein Spiel mit diesem Namen nicht für PlayStation 5 erscheint, klingt nach einem schlechten Scherz – ist aber offizielle Realität. Horizon Steel Frontiers kommt für PC, iOS und Android. Keine PS5. Executive Producer Sung-Gu Lee formulierte es gegenüber IGN mit diplomatischer Vorsicht: NCSoft habe „keinen Grund“, das Spiel nicht auf die Konsole zu bringen. „Die Entscheidung liegt bei Sony.“
Dieser Satz ist eine PR-Meisterleistung – und ein stiller Hilfeschrei zugleich. Sony blockiert die PS5-Version des eigenen Lizenzprodukts. Warum? Die plausibelste Erklärung heißt Guerrilla Games. Das interne Studio arbeitet selbst an einem Horizon-Multiplayer-Titel: Horizon Hunters Gathering, das vollständig kanonisch sein wird und bereits mehrere geschlossene Playtests durchlaufen hat. Sony will offenbar verhindern, dass ein extern entwickeltes F2P-MMO dem hauseigenen Koop-Spiel die Bühne auf der eigenen Konsole streitig macht. Dass Horizon 3 noch in weiter Ferne liegt, weil Guerrilla Games sich vollständig auf Hunters Gathering konzentriert, macht die Prioritäten klar: Guerrillas Projekt hat Vorfahrt, NCSofts MMO ist ein Lizenzexperiment, kein strategischer Kernpfeiler.
Decima raus, Unreal Engine 5 rein: Warum das Horizon-MMO nicht Guerrillas Engine nutzt
Jedes Horizon-Spiel seit 2017 – Zero Dawn, Forbidden West, Call of the Mountain – läuft auf der Decima Engine. Guerrillas hauseigene Technologie ist für die charakteristische Bildgewalt der Reihe verantwortlich und einer der technisch ausgereiftesten Engine-Stacks der Branche. Horizon Steel Frontiers hingegen nutzt die Unreal Engine 5.
Sung-Gu Lee begründet das mit mobilen Anforderungen: Decima sei „unglaublich“, aber die Portierung der hochwertigen Assets in die UE5 habe es erlaubt, „atemberaubende Grafik und flüssige Multiplayer-Erlebnisse über Mobile und PC hinweg zu liefern.“ Das ist die offizielle Lesart. Die inoffizielle dürfte lauten: Guerrilla hat schlicht nicht die Absicht, sein Kronjuwel mit einem externen koreanischen MMO-Studio zu teilen – vor allem nicht für ein Projekt, das primär für Mobilgeräte konzipiert wurde.
Technisch ist der Engine-Wechsel ein Risiko mit Ansage. Die Horizon-Spiele leben von ihrer spezifischen Beleuchtung, den Material-Shadern und der Art, wie sich Maschinen in der Landschaft bewegen. All das ist Decima-DNA. In der UE5 muss NCSoft diese Identität nachbauen – ein Aufwand, den Lee selbst als „keine kleine Herausforderung“ beschreibt. Die bisher gezeigten Trailer bestätigen die Skepsis: Die Charaktermodelle wirken stilisiert, fast cartoonhaft, das UI erinnert mehr an Lineage als an Horizon. Ob die Maschinen-Kämpfe – mit Pullcaster, gezieltem Teil-Breaking und Statuseffekten – das taktische Gewicht der Hauptreihe erreichen, bleibt abzuwarten.
Zwei Horizon-Multiplayer-Projekte gleichzeitig: Strategischer Masterplan oder Kannibalisierung?
Die Parallelentwicklung von Steel Frontiers und Hunters Gathering ist ein in der AAA-Branche fast beispielloser Vorgang. Zwei Multiplayer-Spiele im selben Universum, beide mit Maschinenjagd als Kernschleife, beide auf PC – aber unterschiedliche Studios, Engines, Plattformen und Monetarisierungsmodelle.
Hunters Gathering setzt auf einen stilisierten Look, PS5 und PC, kooperative Missionen und – nach allem, was Guerrilla kommuniziert hat – ein klassisches Kaufmodell. Steel Frontiers hingegen ist Free to Play, Mobile-First, mit PURPLE-Launcher statt Steam und einem koreanischen MMO-Framework, das auf Gilden, Städte-Hubs und saisonale Inhalte setzt. Beide Titel teilen sich nicht nur das Horizon-Universum, sondern potenziell auch dieselbe Zielgruppe.
Die offensichtliche Frage, ob sich diese Spiele gegenseitig die Spieler abgraben, wird weder von Sony noch von NCSoft adressiert. Stattdessen verweist der Investorenbericht lapidar auf ein „volles 2026-Lineup“ – mit Cinder City, NCSofts MMO-Shooter, der planmäßig in der zweiten Jahreshälfte 2026 startet, sowie Time Takers und weiteren Titeln. Die Verschiebung von Steel Frontiers wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie strategische Planung und eher wie das Eingeständnis, dass die Pipeline überlastet ist.
Free to Play, Mobile-Fokus und NCSofts schwieriger Track-Record
Dass Horizon Steel Frontiers Free to Play wird, bestätigt die offizielle Website – der Großteil der englischsprachigen Berichterstattung ignoriert diesen Punkt jedoch konsequent. Für ein Studio wie NCSoft, dessen Lineage-Serie zu den monetarisierungsstärksten MMOs weltweit zählt, ist F2P kein Feature, sondern ein Geschäftsmodell. Gacha-Mechaniken, Battle Pass und zeitraubende Upgrade-Systeme sind in koreanischen MMOs keine Ausnahme, sondern der Standard.
Der Kontext macht diese Skepsis nicht kleiner. NCSoft durchlief im Oktober 2024 eine Entlassungswelle, die Co-CEOs sprachen von einem „drohenden chronischen Defizit“. Seither treibt das Unternehmen zwei strategische Säulen voran: eine aggressive KI-Integration – massiv auf KI-Tools in der gesamten Produktionspipeline setzt das Studio auch bei Steel Frontiers – und eine Neuausrichtung auf mobile Casual-Titel. Das MMORPG, das NCSoft im November 2025 präsentierte, wirkt aus dieser Perspektive wie ein Produkt des Umbruchs: prestigeträchtig genug, um Aufmerksamkeit zu generieren, aber mobil genug, um in die neue Strategie zu passen.