Das nächste Mass Effect kann zu einem gewaltigen Befreiungsschlag für BioWare werden, wenn der Mutterkonzern die Entwickler einfach in Ruhe ihre Arbeit machen lässt. Diese deutliche Warnung schickt der frühere Lead Cinematic Designer Armando Troisi in Richtung Electronic Arts. Während viele Stammkräfte das kanadische Studio verlassen haben, lenken nach wie vor entscheidende Köpfe der Original-Trilogie das ambitionierte Weltraum-Abenteuer – vorausgesetzt, die Konzernleitung funkt den Schöpfern nicht erneut mit kurzfristigen Trends dazwischen.
Alte Meister am Ruder verlangen freie Hand
Die Skepsis der weltweiten Rollenspiel-Gemeinde gegenüber BioWare sitzt nach zahllosen internen Turbulenzen tief. Doch ausgerechnet ein Veteran der goldenen Ära nimmt die verbliebenen Entwickler nun leidenschaftlich in Schutz. Im ausführlichen Interview mit FRVR stellt Armando Troisi klar, dass das Team in Edmonton keinerlei Ratschläge von außen benötigt, um ein herausragendes Spiel abzuliefern.
Der frühere Cinematic Designer verweist dabei auf die Besetzung der Schlüsselpositionen, an denen nach wie vor echte Urgesteine der Serie sitzen. Mit Lead Designer Preston Watamaniuk, Art Director Derek Watts und Cinematic Director Parish Ley ziehen dieselben Köpfe die Fäden, die schon Commander Shepards Kampf gegen die Reaper geprägt haben. Diese Veteranen beherrschen ihr Handwerk bis ins kleinste Detail und tragen die Identität der ersten Trilogie im Blut. Nach dem Verzicht auf Story-Erweiterungen für das jüngste Fantasy-Abenteuer liegt die gesamte Arbeit an Mass Effect nun auf ihren Schreibtischen.
Dieses erfahrene Kernteam benötigt keine Nachhilfe in Spieldesign, sondern schlicht die Freiheit, seiner kreativen Vision ohne störende Zurufe von oben zu folgen. Sobald Anzugträger jedoch beginnen, fertige Entwürfe umzustoßen und krampfhaft aktuelle Branchentrends in die Spielmechanik zu pressen, gerät die bewährte Formel ins Wanken.
Die fatale Tradition zerstörerischer Chefetagen
Genau an dieser Einmischungswut krankt die Zusammenarbeit zwischen kreativen Entwicklern und gewinnorientierten Publishern seit über einem Jahrzehnt. BioWare musste den schmerzhaften Zwang zu Live-Service-Experimenten am eigenen Leib erfahren, als Projekte wie Anthem gegen die Wand fuhren und Dragon Age jahrelang zwischen Mehrspieler-Vorgaben und Einzelspieler-Fokus zerrieben wurde. Troisi bringt diese Zerreißprobe treffend auf den Punkt: Wenn Studios zu Geiseln von Stakeholdern werden, verkümmert ihre ursprüngliche Stärke. Ehemalige Mitarbeiter berichteten in der Vergangenheit immer wieder von den systematischen Schikanen von EA, die ganze Produktionen lahmlegten.
Die Stärke von BioWare lag niemals in künstlich aufgeblähten Online-Welten oder endlosen Saisonpässen, sondern in packend geschriebenen Einzelspieler-Abenteuern mit harten moralischen Entscheidungen und fordernden Gefechten. In dieser Nische konnte dem Studio zu seinen Hochzeiten niemand das Wasser reichen. Wer diese Identität für kurzfristige Quartalsgewinne opfert, zerstört das Vertrauen der treuesten Anhänger.
Gier frisst kreative Visionen zum Frühstück.
Diese bittere Lektion scheint in den gläsernen Vorstandsetagen allerdings niemanden zu interessieren, sobald die Bilanzen ins Minus rutschen. Vor allem jetzt, wo der gesamte Mutterkonzern durch einen historischen Eigentümerwechsel vor radikalen Umbrüchen steht, gewinnt die Warnung des Designers eine beängstigende Aktualität.
Zwanzig Milliarden Dollar Schulden bedrohen das Weltraum-Epos
Die Zukunft von Electronic Arts wird nicht mehr in Redwood City verhandelt, sondern von neuen Eigentümern diktiert. Ein Konsortium um den saudi-arabischen Staatsfonds PIF sowie die Investmentfirmen Silver Lake und Affinity Partners hat den Publisher für 55 Milliarden Dollar geschluckt und von der Börse genommen. Der gewaltige Haken an diesem Megadeal wiegt jedoch schwer: Das Unternehmen schleppt durch den fremdfinanzierten Aufkauf einen Schuldenberg von 20 Milliarden Dollar mit sich herum. Um diesen Zinsdienst zu stemmen, verlangt das Konsortium maximale Rendite bei minimalem Risiko.
Ehemalige Führungskräfte wie Emmanuel Rosier schlagen deshalb bereits öffentlich Alarm und zweifeln offen an der Überlebenschance klassischer Einzelspieler-Großprojekte. Ein Konzern unter massivem Schuldendruck klammert sich erfahrungsgemäß an jährliche Sportspiele wie EA Sports FC und lukrative Service-Hits, anstatt Hunderte Millionen in langwierige Rollenspiele zu pumpen. Für Mass Effect bedeutet das ein extremes Risiko auf dem Verhandlungstisch der Sanierer.
Sollten die neuen Herren im Haus den Rotstift ansetzen oder dem Team ein Monetarisierungs-Korsett verpassen, droht dem Sci-Fi-Hoffnungsträger das Schicksal von Anthem. Lässt man Preston Watamaniuk und seine Mitstreiter dagegen ungestört an ihren Bildschirmen arbeiten, kann BioWare zu alter Größe zurückfinden. Die Entwickler wissen ganz genau, was ein echtes Mass Effect ausmacht. Nun muss das Management beweisen, dass es den Mut besitzt, die Hände in den Taschen zu lassen.