Asha Sharma holte Jared Palmer im Mai persönlich ins Boot. An „unseren komplexesten Problemen“ sollte der Engineering-Vize arbeiten, direkt mit der Chefin. Zwei Monate später ist Palmer weg – zu einer KI-Firma, die Softwareentwickler durch eine autonome Engine ersetzen will. Ironischer könnte der Wechsel kaum sein: Während tausende Xbox-Mitarbeiter entlassen werden, sucht sich einer von Sharmas Wunschkandidaten selbst ein Exit-Szenario. Und das wirft eine Frage auf, die weit über Palmer hinausgeht.
Ein Hochkaräter geht – und zwar schnell
Jared Palmer war nicht einfach ein weiterer Manager in der Xbox-Hierarchie. Als Asha Sharma ihn im Mai zum Vice President of Engineering ernannte, machte sie klar: Palmer arbeitet direkt an „unseren komplexesten Produkt- und Engineering-Problemen“ – mit Fokus auf Developer Tooling, Infrastruktur und technische Vision. Er kam aus Microsofts CoreAI-Division, wo er ebenfalls unter Sharma gearbeitet hatte. Ein Vertrauter also, jemand, den sie kannte und der ihre Handschrift tragen sollte.
Jetzt, zwei Monate später, ist Palmer weg. In einem knappen Social-Media-Post bestätigt PC Gamer seinen Wechsel zu Cognition, einer KI-Firma, die mit „Devin“ den ersten autonomen Softwareentwickler vermarktet. Palmer wird dort die Engineering-Leitung übernehmen. Sein Dank an Sharma und das Xbox-Team klingt höflich und routiniert – so, wie Abgangsposts eben klingen müssen.
Die Pointe: Palmer hatte vor seinem Wechsel zu Xbox bereits eine kurze Verweildauer bei CoreAI – nur acht Monate. Davor vier Jahre als VP of AI bei der Infrastruktur-Firma Vercel. Seine Karriere ist eine Linie, die konsequent zurück zur KI führt. Xbox war der Ausreißer. Und der Ausreißer hielt genau zwei Monate.
Sharmas Umbau zwischen frischem Wind und Personal-Blutbad
Palmer war kein Einzelfall. Er war Teil einer breit angelegten Führungsrochade, die Sharma im Mai angekündigt hatte. Tim Allen übernahm das Xbox Design als CVP, Johnathan McKay wurde Growth-Chef, Evan Chaki General Manager of Transformation, David Schloss Head of Subscriptions and Cloud. Dazu kamen interne Versetzungen: Jason Ronald, langjähriger VP für Xbox-Gaming-Devices, wurde auf Project Helix und die Xbox-Plattform angesetzt. Jason Beaumont übernahm interim die Engineering-Leitung – genau jene Rolle, die Palmer jetzt hinterlässt.
Sharmas Botschaft damals: Xbox müsse sich schneller bewegen, die Verbindung zur Community vertiefen und Reibung für Spieler und Entwickler reduzieren. Dazu gehöre auch, Features einzustellen, „die nicht zu dem passen, wohin wir wollen“ – Copilot auf Mobilgeräten und Konsolen wurde eingestampft.
Das Problem: Diese Führungswechsel fielen in eine Phase, in der Sharma gleichzeitig die größte Entlassungswelle der Xbox-Geschichte auslöste. 1.600 Mitarbeiter wurden im Juli mit sofortiger Wirkung entlassen, 1.600 weitere sollen bis Ende des Fiskaljahres folgen. Vier Studios wurden abgestoßen oder in die Unabhängigkeit entlassen. Bei id Software verloren 136 von 185 Mitarbeitern ihren Job – und das ein Jahr nach dem erfolgreichsten Launch der Studio-Geschichte mit Doom: The Dark Ages.
Der Widerspruch ist greifbar: Neue Führungskräfte, die frischen Wind bringen sollen – während die Belegschaft um sie herum schrumpft, Teams zerlegt und jahrelang aufgebaute Kompetenz abgebaut wird. In dieser Gemengelage ist Palmers Abgang kein Einzelfall, sondern die logische Konsequenz einer Organisation, die gleichzeitig bremst und beschleunigt.
Ein Muster, das nachdenklich stimmt
Bleibt die Frage, die über den Einzelfall hinausgeht: Was sagt Palmers Abgang über Asha Sharmas Führung aus?
Die offensichtliche Antwort: Palmer hat ein besseres Angebot bekommen, KI ist sein Thema, Cognition passt besser. Das mag stimmen. Und es wäre beruhigend, wenn es die ganze Geschichte wäre.
Nur: Palmer wurde von Sharma persönlich geholt. Er sollte an ihren komplexesten Problemen arbeiten. Er war einer von fünf neuen Führungskräften, die den Umbau tragen sollten. Wenn ein solcher Vertrauter nach zwei Monaten geht – mitten in der größten Krise der Plattform – dann sendet das ein Signal an die Organisation. An die 3.200 Mitarbeiter, die bleiben. An die, die gerade durch die Entlassungswelle waten. An die Entwickler in den Studios, die nicht wissen, ob ihr Projekt nächste Woche noch existiert.
Die Botschaft lautet: Selbst die, die Sharma selbst ausgesucht hat, halten es nicht lange aus.
Dazu kommt: Sharmas Track Record bei Führungswechseln ist durchwachsen. Helen Chiang wurde gerade zur COO ernannt – nachdem Dave McCarthy nach 17 Jahren ging. Jason Beaumont leitet Engineering interim – dieselbe Position, die Palmer nach zwei Monaten freimachte. Die Führungsebene von Xbox ist in einem permanenten Umbau, der nicht nach Stabilität aussieht, sondern nach Löschen von Bränden.
Vielleicht ist Palmers Wechsel wirklich nur ein Karriereschritt. Vielleicht hat Cognition einfach mehr gezahlt. Aber in einem Unternehmen, das 64 Cent pro investiertem Euro verliert, 3.200 Stellen streicht und sich öffentlich eingesteht, dass das Geschäft nicht besonders gesund sei, wiegt jeder Abgang einer Führungskraft schwerer. Erst recht, wenn er nach zwei Monaten kommt.