Asha Sharma redet Klartext – und das ist das eigentliche Problem. Die Xbox-Chefin hat im Bloomberg-Interview nicht nur ihre 2030-Vision als „Mandat“ ausgegeben, sondern auch schonungslos eingeräumt, dass Xbox aktuell „nicht in einer gesunden Position“ steckt. Ein ambitioniertes Ziel, krachende Zahlen und ein angekündigter 100-Tage-Reset: Das ist entweder der Auftakt zu einer radikalen Kehrtwende – oder das Eingeständnis, dass die Strategie der letzten sechs Jahre nicht aufgeht.
„Wir sind nicht gesund“ – die Xbox-Chefin rechnet mit dem Ist-Zustand ab
Man stelle sich vor: Der CEO eines der größten Gaming-Unternehmen der Welt setzt sich hin, blickt in die Kamera und sagt sinngemäß: Die Zahlen sind mies, wir sind nicht da, wo wir sein müssen. Genau das hat Asha Sharma im Gespräch mit Bloombergs Emily Chang auf der Bloomberg Tech 2026 in San Francisco getan. „We’re not in a healthy spot“, gab die Xbox-Chefin unumwunden zu – ein Satz, der in der Gaming-Branche für einige hochgezogene Augenbrauen sorgte.
Sharma, die kürzlich den Chefposten von Phil Spencer übernahm, skizziert einen 100-Tage-Plan, um „das Geschäft neu aufzustellen“. Konkrete Maßnahmen blieb sie zwar schuldig, doch die Tonlage ist neu: Kein Marketingsprech über „Milliarden von Gamern“, kein Ausweichen auf die Cloud-Vision. Stattdessen Selbstkritik – und die ist überfällig. Die jüngsten Quartalszahlen zeigen, dass der Gaming-Umsatz um 9 Prozent gesunken ist, während die Hardware-Verkäufe regelrecht eingebrochen sind. Dass Sharma bereits harte Entscheidungen ankündigte, passt ins Bild: Hier bereitet jemand die Öffentlichkeit auf einen harten Schnitt vor.
Die größte Baustelle? Ausgerechnet das Kerngeschäft. Die Xbox Series X|S hat laut weltweiten Verkaufszahlen bislang rund 34 Millionen Einheiten abgesetzt. Die PlayStation 5 steht im gleichen Zeitraum bei über 89 Millionen – ein Verhältnis von etwa 2,6 zu 1. Dass die aktuelle Xbox-Generation sogar hinter der Xbox One zurückbleibt, die zum selben Zeitpunkt im Lebenszyklus bereits über 42 Millionen Konsolen verkauft hatte, macht die Diagnose „nicht gesund“ zur massiven Untertreibung.
69 Milliarden Dollar, Call of Duty und die ungeklärte ROI-Frage
Sharma verteidigte im Interview die teuerste Shoppingtour der Gaming-Geschichte mit sichtbarer Überzeugung. Microsoft hat in den letzten sechs Jahren aggressiver investiert als fast jeder andere Player: ZeniMax Media für 7,5 Milliarden Dollar, Activision Blizzard für knapp 69 Milliarden Dollar – Summen, bei denen selbst Sony schlucken musste. Die Xbox-Chefin zählt auf, was man sich dafür eingekauft hat: Call of Duty, Candy Crush, World of Warcraft. „Ich kenne niemanden im Unterhaltungsbereich, der Call of Duty nicht haben wollen würde“, sagte sie – und ergänzte den inzwischen bekannten Fakt, dass die Marke mehr Umsatz generiert als das gesamte Marvel Cinematic Universe an den Kinokassen.
Das klingt nach einem Asset, um das einen jeder beneiden würde. Doch die entscheidende Frage – ob sich der Deal betriebswirtschaftlich rechnet – beantwortet Sharma mit bemerkenswerter Vorsicht. Der Kauf fiel in eine Zeit „vor ChatGPT“, in eine Phase, in der man „überwiegend auf die klassische Konsole setzte“, und mitten in die Pandemie. Zwischen den Zeilen klingt das wie: Die Welt hat sich seitdem fundamental verändert, und ob der Preis von 69 Milliarden Dollar heute noch gerechtfertigt wäre, steht auf einem anderen Blatt.
Fest steht: Die Übernahme von Activision Blizzard hat Microsoft zwar zum zweitgrößten Publisher der Branche gemacht, doch ein Gutteil dieses Umsatzes fließt weiterhin über Plattformen, die nicht Xbox heißen. Call of Duty verkauft sich prächtig auf PlayStation, Candy Crush läuft auf Smartphones, World of Warcraft lebt auf dem PC. Mit dem Ziel, die „führende Position im Bereich Gaming und Unterhaltung“ zu erreichen, hat das nur bedingt zu tun – es sei denn, man definiert „führend“ rein über Konzernbilanzposten.
Die 2030-Vision – ein Ziel, das jeder Überprüfung standhalten muss
Sharmas „Mandat“ klingt zunächst nach klassischer CEO-Rhetorik: Xbox soll die Nummer eins werden. Der Clou liegt jedoch darin, was sie nicht meint. Ausdrücklich grenzt sie ihr Ziel von Microsofts interner Vorgabe einer Rechenschaftsmarge von 30 Prozent ab. Es gehe nicht um Margen für Unternehmenssoftware, sondern darum, die Branche anzuführen. Anders formuliert: Satya Nadella gibt ihr den Freiraum, kurzfristig auf Profitabilität zu pfeifen, solange Xbox langfristig die Pole Position erobert.
Die Realität macht diesen Freiraum zum Risiko:
- Hardware-Marktanteil: Xbox hält rund 23 Prozent des globalen Konsolenmarktes, PlayStation dominiert mit etwa 45 Prozent, Nintendo liegt bei 27 Prozent.
- Game Pass: Microsofts Vorzeige-Abo stagniert bei schätzungsweise 34 bis 35 Millionen Abonnenten – weit entfernt vom internen Ziel von 100 Millionen bis 2030, das im FTC-Prozess durchsickerte. Die Game Pass Preissenkung hat offenbar keinen nachhaltigen Wachstumsschub gebracht.
- Eigenproduktionen: Starfield, Redfall und Hellblade 2 lieferten gemischte Resultate. Der Katalog an echten System-Sellern bleibt dünn – und die Titel, die durchstarten, landen zunehmend auch auf der PlayStation.
Sharma selbst gibt zu: „Wir haben Arbeit vor uns.“ In vier Jahren an der Spitze will sie Xbox als Branchenführer sehen. Dafür müsste sich der Abstand zu Sony und Nintendo nicht nur verringern – Xbox müsste beide innerhalb weniger Jahre überholen. Ohne eine drastische Veränderung der aktuellen Trajektorie ist das rechnerisch kaum darstellbar.
Was Sharma zwischen den Zeilen verrät – und was sie verschweigt
Das Interview enthält mehrere Subtexte, die mindestens so spannend sind wie die Schlagzeilen. Erstens: Die Bemerkung, Microsoft subventioniere „sogar dann, wenn wir wegen Speicher und Massenspeicher Geld verlieren“, ist ein versteckter Hinweis auf die Kostenexplosion bei Project Helix, dem Codenamen der nächsten Konsolengeneration. Speicherpreise fressen Margen auf – und deuten an, dass die Next-Gen-Hardware kein Schnäppchen wird.
Zweitens fällt auf, was Sharma nicht thematisiert: die zentrale Frage der Exklusivität. Sharma hält sich bei der Exklusivitätsfrage weiterhin alle Optionen offen – und genau darin liegt der fundamentale Spagat. Wie soll man die „Nummer eins“ werden, wenn die eigenen Blockbuster auf der Konkurrenzplattform verfügbar sind? Microsoft ist Stand heute der größte Publisher auf PlayStation. Das füllt die Kasse, untergräbt aber jeden Anreiz, eine Xbox zu kaufen.
Drittens: Sharmas Rückblick auf den Activision-Deal als Produkt einer anderen Ära – „vor ChatGPT“ – ist ein Schuldeingeständnis in Watte gepackt. Die Gaming-Welt von 2022, in der Microsoft die Übernahme ankündigte, existiert nicht mehr. KI verändert Produktionsprozesse fundamental, das Plattform-Denken weicht dem Content-überall-Paradigma, und die Tage, an denen eine Konsole allein den Markt definiert, sind gezählt.
Der Elefant im Raum – und diesmal verdient die abgedroschene Metapher ihren Platz – ist die offene Widerspruchskette: Sharma will Branchenführer werden, aber die Xbox-Hardware verliert an Boden. Sie investiert Milliarden, aber die Umsätze sinken. Sie setzt auf Exklusivität als „Einzelfallentscheidung“, aber der größte Aktivposten (Call of Duty) lebt vom plattformübergreifenden Erfolg. Ob der 100-Tage-Reset diese Quadratur des Kreises auflöst oder nur die nächste Umstrukturierung einleitet, wird sich zeigen – spätestens dann, wenn Sharma ihre eigene Showcase-Strategie öffentlich als Fehlgriff bezeichnete und die nächste Xbox-Präsentation ansteht.