One More Level weiß, wie man Egoperspektive inszeniert. Nach den beiden Ghostrunner-Teilen wagen die Polen mit Valor Mortis den Sprung ins Soulslike-Genre – und der neue Trailer vom Xbox Games Showcase macht klar, dass hier niemand auf halber Strecke bremst. Vincent Cassel, César-prämierter Charakterkopf aus „Black Swan“ und „La Haine“, leiht Napoleon Bonaparte seine Stimme und warnt den wiederauferstandenen Protagonisten William vor den Kräften, die in ihm schlummern. Am 24. September erscheint Valor Mortis für PC, PS5 und Xbox Series X|S – ab Tag eins im Game Pass – und eine spielbare Demo steht ab sofort auf Steam bereit. Der Härtetest für die erste eigene IP des Studios hat begonnen.
Vincent Cassel als Napoleon und eine Demo, die Appetit macht
Dass ein polnisches AA-Studio einen Hollywood-Star für die zentrale Erzählerrolle gewinnt, ist kein gewöhnlicher Casting-Coup. Cassels Napoleon ist keine bloße Statistenstimme: Der Trailer stellt die Beziehung zwischen William und seinem Kaiser in den Mittelpunkt, und Cassels markantes Timbre verleiht dem Setting eine unerwartete Gravitas. Auf dem Papier erinnert das an Keanu Reeves in Cyberpunk 2077 – nur dass hier kein Budget jenseits der 300 Millionen im Hintergrund steht.
Die Demo, die parallel zum Trailer auf Steam live ging, lässt euch das komplette Einführungskapitel spielen. Erste Eindrücke aus dem bereits früheren Gameplay-Material zeigen ein Kampfsystem, das Parieren, Ausweichsprints und brutale Finisher zu einem fordernden Rhythmus verwebt. Ihr führt das Rapier in der Rechten, die Steinschlosspistole in der Linken – und setzt übernatürliche Fähigkeiten ein, die William durch verfallene Städte katapultieren, über Brücken schleudern und in enge Kanäle zwingen.
Diese Mobilität ist die offensichtliche Ghostrunner-Erblast, und sie funktioniert. Radosław Ratusznik, Director des Spiels, beschreibt die Mechanik als Werkzeug, das „enge Gassen und Kanäle“ in Kampfarenen verwandelt. Wer den Vorgänger in der Egoperspektive gespielt hat, erkennt die Handschrift sofort – nur dass Valor Mortis jetzt das Tempo drosselt und stattdessen auf Präzision und Timing setzt.
Unter der Haube werkelt die Unreal Engine 5 mit vollem Arsenal
Technisch fährt One More Level alles auf, was Epics Engine hergibt: Nanite für geometrische Details ohne Pop-in, Lumen für dynamische Beleuchtung und Niagara für die Partikeleffekte der nebulösen Seuche, die das alternative 19. Jahrhundert heimsucht. Die offizielle Seite der Unreal Engine bewirbt Valor Mortis als Vorzeigeprojekt für die UE5 im AA-Segment – ein Indiz, dass Epic selbst das Spiel als Aushängeschild betrachtet.
Das Risiko liegt im Detail. Die Unreal Engine 5 kämpft bis heute mit Traversal Stutter und Shader Compilation Rucklern, und ein Soulslike, das auf Frame-perfekte Parry-Fenster setzt, verzeiht solche Aussetzer nicht. Ghostrunner 1 und 2 liefen auf der Unreal Engine 4 und waren für ihre saubere Performance bekannt – ob der Sprung auf die UE5 diesen Ruf erhält, ist die vielleicht offenste technische Frage bis zum Launch.
Klanglich gibt es wenig Grund zur Sorge. Den Score verantwortet Arkadiusz Reikowski mit, der bereits das Silent Hill 2 Remake, The Medium und die Layers of Fear-Reihe vertont hat. Die auditive Kulisse des Trailers – marschierende Trommeln, dissonante Streicher, Cassels hallende Stimme – legt nahe, dass die Horror-Komponente des Settings ernst gemeint ist und nicht bloß als Dekoration dient.
Die erste eigene IP – und der Druck nach Ghostrunner 2
Valor Mortis ist die bislang riskanteste Wette des Krakauer Studios. Ghostrunner 1 verkaufte sich über 2,5 Millionen Mal, der Nachfolger schaffte auf Steam laut Gamalytic-Daten nur rund 456.000 Einheiten – obwohl er die Entwicklungskosten binnen einer Woche eingespielt haben soll. Die Zahlen deuten auf ein Spiel, das die Erwartungen des Publishers 505 Games nicht voll erfüllte.
Jetzt, ohne 505 Games und stattdessen mit dem neuen Publisher Lyrical Games im Rücken, stemmt One More Level eine komplett neue Marke. Lyrical Games, gegründet von Veteranen mit Stationen bei Private Division, Devolver Digital und Humble Games, positioniert sich als sicherer Hafen für ambitionierte Indie- und AA-Entwickler – und Valor Mortis ist ihr bislang sichtbarstes Aushängeschild. Das Studio behält die kompletten IP-Rechte. Ein Befreiungsschlag, der aufgehen kann – oder schiefgehen muss, wenn die Verkaufszahlen nicht stimmen.
Die Konkurrenz macht es nicht einfacher. Valor Mortis erscheint am 24. September und kollidiert damit direkt mit dem neuen Onimusha (25. September) sowie Control Resonant in derselben Woche. Drei Action-Titel mit überlappender Zielgruppe innerhalb von 48 Stunden – da entscheidet die Qualität der Demo, wer die Vorbestellungen abgreift.
Metroidvania-Strukturen, zwei Bosse und eine verfaulende Welt
Spielerisch geht Valor Mortis einen Weg, den nur wenige Soulslikes einschlagen: Statt verwobener Einheitswelt setzt das Spiel auf Level im Metroidvania-Stil, die ihr mit Williams wachsenden Fähigkeiten nach und nach entschlüsselt. Die Ewige Garde Napoleons – mutierte, pestgezeichnete Kreaturen – patrouilliert durch zerstörte Städte, blutgetränkte Schlachtfelder und modrige Abwasserkanäle.
Zwei Bosse stechen aus dem Gezeigten hervor: Der Eternal Guardian, bereits aus früheren Trailern bekannt, kehrt mit einer neuen Mutation zurück – sein Arm wurde durch „Nephtoglobin“ verformt, was ihn unberechenbarer macht. Und Orphan, ein biomechanisch anmutendes Ungetüm, das in den Kanälen lauert und eine völlig andere Taktik erfordert. Beide Entwürfe wirken wie direkte Verwandte der grotesken Kreaturen aus Lords of the Fallen 2 – kein Zufall, sondern Teil eines Trends, bei dem europäische Studios das Body-Horror-Element des Genres zu ihrem Markenzeichen machen.
Was die Länge und den Umfang angeht, bleibt One More Level bislang vage. Die Demo deckt das erste Kapitel ab, und wer sich durch die Testphase kämpft, bekommt ungefähr 90 Minuten geboten. Das ist üppig für einen Vorgeschmack – und ein Vertrauensbeweis, dass das Team vom Kernprodukt überzeugt ist.
