Hideo Kojima nannte Physint das größte Spiel, das er je hätte machen können. Sony sah das offenbar anders. Im Juni 2026 strich PlayStation die Finanzierung des Action-Espionage-Projekts – in einem Zoom-Call, der Kojima so traf, dass er sich kaum an Details erinnert. Drei Monate lang wussten nur drei Menschen von der Absage. Jetzt spricht Kojima erstmals ausführlich über die Nacht, in der sein Studio am Abgrund stand – und den Pitch, der es rettete.
Drei Monate, drei Wissende, ein Zoom-Call
Es war Mitte Juni, als Sony Interactive Entertainment Kojima Productions zu einem Zoom-Call bat. Kojima war gerade von einem Prada-Event in New York zurück und sollte direkt nach Los Angeles weiter. Stattdessen nahm er sich die Zeit – und hörte Sätze, die er zunächst nicht verarbeiten konnte. „Sie sagten, sie können die Entwicklung von Physint nicht länger finanzieren“, erinnert sich Kojima im Washington Post Gespräch. „Ich war schockiert und sagte: ‚Was hast du gesagt?'“
Im Raum saßen neben Kojima nur zwei weitere Menschen: Shinji Hirano, President von Kojima Productions, und Aki Saito, Head of Talent Development. Zu dritt beschlossen sie, die Nachricht zunächst geheim zu halten. Kojima wollte seine Belegschaft nicht in Panik versetzen, bevor klar war, wie es weitergeht. „Ich konnte es meinem Team nicht sagen, bis wir einen neuen Partner gefunden hatten“, schildert er gegenüber IGN. Drei Tage nach dem Call informierte er die Teamleiter – mit einer klaren Ansage: „Ich werde einen neuen Partner finden, also macht euch keine Sorgen.“
Was folgte, war eine dreimonatige Hängepartie. Die Öffentlichkeit erfuhr erst am im September von Sonys offiziellem Rückzug – zeitgleich mit der Nachricht, dass Xbox einspringt. Zwischen der Absage und dem öffentlichen Knall lagen rund 90 Tage, in denen Kojima Productions hinter verschlossenen Türen um die Existenz kämpfte.
Kojimas Schock: „Mein Studio könnte zusammenbrechen“
Die Absage traf Kojima nicht als kalkulierbares Branchenrisiko. Sie traf ihn als existenziellen Schlag. Kojima Productions ist ein unabhängiges Studio – ohne Konzernmutter, ohne finanzielles Polster. „Wir sind ein unabhängiges Unternehmen, also steht kein Geldgeber hinter uns“, erklärt Kojima im exklusiven IGN-Interview. „Wir unterzeichnen Verträge je nach Projekt, und so überleben wir – eins nach dem anderen.“ Fällt ein Projekt weg, fällt ein Einkommensstrom weg.
Besonders bitter: Kojima hatte Physint nicht als Risiko eingestuft. Im Gegensatz zu den Death Stranding Spielen, die er selbst als experimentell beschreibt, sah er in Physint ein Mainstream-Produkt mit breitem Verkaufspotenzial. „Das ist der größte Verkaufstitel, den ich überhaupt machen könnte“, sagt er. „Ich dachte nicht, dass Physint auf der Liste der gestrichenen Projekte stehen würde.“ Dass es doch passierte, raubte ihm kurz die Orientierung. „Nichts hätte mich auf ihre Entscheidung vorbereiten können, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Also dachte ich: ‚Was mache ich ab morgen?'“
Die Sorge galt nicht nur ihm. Rund 200 Menschen arbeiten bei Kojima Productions. Ein Teil des Physint-Teams musste auf OD verschoben werden – den Horror-Titel, den Kojima parallel mit Xbox entwickelt. „Ich dachte, Leute würden gehen“, sagt Kojima. „Aber niemand tat es.“ Und dann fällt der Satz, der die Dimension der Krise greifbar macht: „Es ist das zehnjährige Jubiläum meines Studios. Mein Studio könnte zusammenbrechen.“ Dass Physints frühe Konzeptphase Monate zurücklag und das Projekt gerade erst Fahrt aufnahm, machte die Absage umso härter.
Trotz allem zeigt Kojima keine offene Wut auf Sony. „Von meiner Seite aus liebe ich Sony. Ich hege keinen Groll gegen sie, weil ich weiß, dass die Spielebranche gerade eine schwere Zeit durchmacht.“ Der Bruch bleibt dennoch historisch: Fast 30 Jahre verband Kojima und PlayStation, von Ken Kutaragi über Kazuo Hirai bis zu den Death Stranding Jahren. Dass ausgerechnet diese Beziehung so endete, markiert eine Zäsur.
Der Pitch, der Xbox überzeugte
Kojima blieb nicht lange im Schockzustand. Innerhalb weniger Tage nach dem Sony-Call begann er, nach einem neuen Publisher zu suchen. Der naheliegendste Kandidat war Xbox – schließlich lief die Zusammenarbeit an OD bereits. Kojima reiste nach Redmond, sprach mit Xbox-CEO Asha Sharma und präsentierte einen ausführlichen Pitch für Physint. Dessen Wirkung beschreibt er mit hörbarer Genugtuung: „Ihre erste Reaktion war: ‚Dieser Pitch war fantastisch. So etwas haben wir noch nie gesehen!‘ Und so nahm das Projekt mit Xbox seinen Lauf.“
Für Xbox war die Übernahme kein bloßer Lückenfüller. Unter Asha Sharma, die Anfang 2026 Phil Spencer ablöste, fährt Microsoft eine aggressive Kurskorrektur: Exklusivtitel werden wieder priorisiert, und Kojima gilt als Prestige-Partner. Der strategische Zugriff auf Physint passt in diese Strategie – zumal der Deal über Spiele hinausgeht und auch Film- und TV-Projekte umfassen soll.
Was Kojima dabei offen lässt: Ob Sony nach dem Zoom-Call jemals das Gespräch suchte, um die Entscheidung zu erklären. Die Washington Post deutet an, dass Kojima Productions die Umstände bis heute nicht vollständig durchdrungen hat. Kojima selbst sagt nur: „Wir verstanden den Grund nicht.“ Bloomberg berichtete später von verpassten Deadlines und Budget-Sorgen – Kojima Productions wies das als „unsubstanziierte Spekulation“ zurück.
Physint lebt – aber auf welcher Konsole?
Dass Physint nicht tot ist, steht seit dem Xbox-Deal fest. Die offene Frage ist, wo es erscheinen wird. Kojima hat darauf keine Antwort – und schiebt sie an Xbox weiter: „Das wäre eine Frage für Xbox“, sagt er im IGN-Interview. Zwar hat sich Xbox unter Sharma wieder stärker auf Exklusivtitel ausgerichtet, doch Kojima verweist darauf, dass Xbox-Spiele zuletzt auch auf anderen Plattformen erschienen sind. Eine PS5-Version von Physint ist weder bestätigt noch ausgeschlossen.
Ähnlich unklar ist die technische Basis. Die Death Stranding Spiele liefen auf Decima, der Engine von Guerrilla Games, die Sony gehört. Ob Physint nach dem Publisher-Wechsel bei Decima bleibt, hat Kojima noch nicht entschieden. „Ich experimentiere noch“, sagt er. Xbox habe zugesagt, umfangreiche technische Unterstützung zu leisten – was einen Wechsel zu einer Xbox-näheren Engine zumindest denkbar macht.
Ein konkretes Lebenszeichen gab es dennoch: Auf der Tokyo Game Show 2026 enthüllte Kojima, dass Skarsgårds Verpflichtung als Lead offiziell ist. Der schwedische Schauspieler, bekannt als Pennywise aus „Es“, übernimmt die Hauptrolle – sein erstes Videospiel-Engagement überhaupt. Ein Release ist frühestens um 2030 zu erwarten.