Die ukrainische Trainingsorganisation WeTrueGun hat GTA 5 in einen FPV-Drohnensimulator verwandelt. Auf Basis von GTA 5 Legacy und der FiveM-Multiplayer-Mod trainieren angehende Drohnenpiloten das Abfangen iranischer Shahed-Drohnen – inklusive realistischer Flugphysik, Zielerfassung und simulierten Einschlägen. Die Organisation nennt es „psychologische Dekompression“ und „Spaß“. Die bittere Ironie: Seit 2023 gehört FiveM offiziell zu Rockstar Games. Der Konzern, der diesen November GTA 6 veröffentlicht, besitzt die Plattform, auf der ukrainische Soldaten für den Krieg trainieren – und schweigt.
GTA 5 Legacy und FiveM – die technische Basis
Dass WeTrueGun ausgerechnet auf GTA 5 Legacy setzt, ist kein Zufall. Die ursprüngliche PC-Version des Spiels bildet das technische Fundament, darauf läuft FiveM – die populäre Multiplayer-Mod, die Rockstars offizielles GTA Online um benutzerdefinierte Server, Skripte und komplette Spielmodifikationen erweitert. Mit der Enhanced Edition von GTA 5, die Rockstar im März 2025 kostenlos für PC veröffentlichte, funktioniert FiveM nicht. Wer modden will, bleibt auf Legacy.
Das schafft eine prekäre Abhängigkeit: GTA 5 Legacy wird von Rockstar nicht mehr aktiv weiterentwickelt. Irgendwann wird der Support eingestellt – und damit verschwindet auch die Grundlage für WeTrueGuns Simulator. Die Organisation hat keine Kontrolle über die Langlebigkeit ihrer eigenen Trainingsplattform.
WeTrueGun selbst erklärt, dass die Flugphysik des Mods „sehr nah am echten FPV-Drohnenflug“ sei – räumliche Orientierung, Geschwindigkeit, Manövrieren im urbanen Umfeld. Das ist bemerkenswert, denn GTA 5 wurde 2013 veröffentlicht und hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Drohnen-Flugphysik. Was FiveM-Modder daraus gebaut haben, ist eine komplette Zweckentfremdung der Engine.
Technisch wird der Simulator mit professioneller FPV-Drohnen-Hardware gesteuert – echten Fernsteuerungen, nicht Maus und Tastatur. Die Piloten trainieren an denselben Controllern, die sie später im Feld verwenden. Der Sprung vom Simulator zur echten Drohne wird dadurch minimiert.
„Seek & Destroy“ – von der Spielmod zur Kriegssimulation
Das Projekt trägt den Namen „Seek & Destroy“ – eine Anspielung auf den gleichnamigen Metallica-Song, aber der Inhalt ist alles andere als musikalisch. Der Server simuliert Szenarien, die direkt dem aktuellen Kriegsgeschehen entnommen sind:
- Feindliche Fahrzeuge, die sich im zivilen Verkehr verstecken und identifiziert werden müssen
- Iranische Shahed-Drohnen, die über die Karte fliegen und abgefangen werden sollen
- Direkte FPV-Drohneneinschläge mit simulierter Wirkung
- Russische Anti-Drohnen-Waffen wie „Pars“ und „Harpy“-Geschütze sowie „Bulat“-Detektoren
WeTrueGun betont in offiziellen Statements, dass der GTA-5-Simulator nicht die professionellen militärischen Simulatoren ersetzt: „In der echten Ausbildung von Abfang-Crews werden spezialisierte militärische Simulatoren wie Obriy verwendet.“ Das GTA-5-Projekt diene vor allem dem „Spaß“, der „psychologischen Dekompression“ und dem „Erhalt aktiver FPV-Fähigkeiten“ nach der Arbeit mit echten Drohnen und militärischen Simulatoren.
Diese Relativierung ist juristische Schutzsprache. Es geht nicht um „Spaß“ – es geht darum, dass Piloten auch außerhalb der offiziellen Trainingseinheiten ihre Fähigkeiten schärfen. Das ist kein Freizeitprojekt. Das ist eine zweite, kostengünstige Trainingsschiene, die mit vorhandener Technologie improvisiert wurde.
Die Ausbildung bei WeTrueGun dauert etwa einen Monat und ist für Rekruten, die sich danach bei den ukrainischen Streitkräften verpflichten, kostenlos. Finanziert wird das durch Spenden und Sponsoren; die Organisation empfiehlt eine Spende von 500 bis 750 Dollar. Wer nicht spendet, wird trotzdem ausgebildet. Das Training umfasst Theorie, Simulatorflüge, praktische Übungen mit echten Drohnen (beginnend mit TinyWhoop-Modellen bis zu 7–10-Zoll-FPV-Drohnen) und einen Ingenieurskurs, in dem die Teilnehmer ihre eigene Drohne bauen und programmieren.
Rockstars stiller Besitz – die FiveM-Übernahme als Grauzone
Im August 2023 kaufte Rockstar Games Cfx.re, das Entwicklerteam hinter FiveM und RedM. Die offizielle Begründung: Man wolle die Roleplay-Community unterstützen und „neue Wege finden, diese Communities zu fördern“. Seitdem gehört die Plattform, auf der WeTrueGuns Seek & Destroy läuft, offiziell zu Take-Two Interactive.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Rockstar besitzt die Infrastruktur, auf der ukrainische Soldaten trainieren, Shahed-Drohnen in einer virtuellen Umgebung abzufangen. Der Konzern hat sich dazu nicht geäußert. Kein Statement, kein Unterlassungsschreiben, keine öffentliche Reaktion.
Drei mögliche Interpretationen:
- Stillschweigende Duldung: Rockstar weiß davon und toleriert es aus geopolitischen oder PR-Gründen – ein Einschreiten gegen eine ukrainische NGO wäre ein Image-Desaster.
- Unwissenheit: Take-Twos Rechtsabteilung hat das Projekt schlicht nicht auf dem Radar. Angesichts der Berichterstattung durch United24, Oboronka und diverse westliche Gaming-Medien ist das zunehmend unwahrscheinlich.
- Rechtliche Vorbereitung: Rockstar sammelt Informationen, bevor es reagiert. Die Nutzungsbedingungen von GTA Online verbieten Modifikationen, die das Spiel für nicht-private Zwecke nutzen. Eine militärische Trainingsanwendung ist davon zweifelsfrei erfasst.
Für WeTrueGun ist das eine prekäre Situation: Die gesamte Trainingsplattform hängt an der Kulanz eines Konzerns, der jederzeit den Stecker ziehen kann – entweder durch Abschaltung der Legacy-Server, durch rechtliche Schritte gegen FiveM-Server oder durch ein Update, das die genutzten Exploits schließt.
Wenn Unterhaltungssoftware Kriegswerkzeug wird – ein Branchentrend
Dass Videospiele militärisch genutzt werden, ist nicht neu:
- America’s Army (2002): Ein von der US Army selbst entwickelter Taktik-Shooter, der explizit als Rekrutierungstool diente
- Arma 3 (2013): Bohemia Interactive verkauft mit VBS4 (Virtual Battlespace) eine militärische Version ihrer Engine an NATO-Streitkräfte – inklusive ballistischer Simulationen und Gefechtsfeld-Management
- World of Tanks: Wird in Russland und Belarus für militärische Schulungen eingesetzt, allerdings ohne offizielle Lizenzierung
- DCS World: Der Hardcore-Flugsimulator wird von echten Luftwaffen für Verfahrenstraining genutzt
Aber GTA 5 markiert eine neue Eskalationsstufe. Anders als Arma 3 oder America’s Army wurde GTA 5 nie für militärische Zwecke entwickelt oder lizenziert. Es ist ein rein kommerzielles Unterhaltungsprodukt – ein Spiel über Autodiebstahl und Bankraub, das jetzt zur Drohnenkampf-Ausbildung zweckentfremdet wird. Die Modder haben nicht auf eine Simulations-Engine aufgesetzt, sondern auf eine Open-World-Actionspiel-Engine von 2013.
Die historische Parallele ist weniger Arma 3 als Microsoft Flight Simulator, der nach 9/11 kurzzeitig aus dem Handel genommen wurde, weil befürchtet wurde, Terroristen könnten damit Flugstunden simulieren. Der Unterschied: Damals ging es um eine hypothetische Gefahr. Bei WeTrueGun geht es um aktive, reale Kriegsführung.
GTA 6 erscheint am 19. November 2026 für PlayStation 5 und Xbox Series X. Rockstar hat die Cfx.re-Übernahme auch als Grundlage für nutzergenerierte Inhalte im künftigen GTA-6-Onlinemodus positioniert. Wenn die modding-freundliche Strategie fortgesetzt wird, stellt sich unweigerlich die Frage: Werden auf GTA-6-Servern ebenfalls militärische Trainingssimulationen laufen – und wird Rockstar dann endlich eine klare Richtlinie haben?
Bis dahin gilt: Das ungewöhnlichste GTA-5-Mod-Projekt des Jahres 2026 hat nichts mit Roleplay, Stunts oder Grafik-Upgrades zu tun. Es geht um Leben und Tod – und um einen Spielekonzern, der die Plattform dafür besitzt und wegschaut.