Kabellose Gaming-Headsets haben ein Paradoxon: Je teurer sie sind, desto mehr Zeit verbringen sie am Ladekabel. Weil irgendwann immer der Akku leer ist, weil das Aufladen in der Hektik vergessen wird, weil genau die Runde, in der es um alles geht, mit einem roten Batterie-Symbol endet. Glorious hat sich dieses Problems angenommen – und zwar nicht mit einem größeren Akku, sondern mit einem System, das das Aufladen endgültig aus der Gleichung nimmt. Das GHS Wireless InfinitePlay soll das erste Headset sein, das niemals die Verbindung verliert. Wir haben uns die Technik dahinter angesehen, die Konkurrenz verglichen und eingeordnet, ob der Preis von 230 Euro gerechtfertigt ist.
Ein Akku lädt, der andere spielt: Wie das InfinitePlay-System funktioniert
Das Problem kennt jeder, der schon einmal ein kabelloses Gaming-Headset besessen hat: Du zahlst den Aufpreis für die Freiheit ohne Kabel, und was machst du? Du verbringst gefühlt die Hälfte der Zeit damit, das Ding wieder ans Ladekabel zu hängen. Manchmal mittendrin, weil der Akku genau dann streikt, wenn die Runde spannend wird.
Glorious umgeht dieses Dilemma mit einem Zweiklassensystem. Zum Lieferumfang gehören zwei Akkus, die jeweils über 85 Stunden Laufzeit bieten. Während einer im Headset steckt und Strom liefert, wartet der andere in der mitgelieferten Ladestation auf seinen Einsatz. Einsetzen, weiterspielen – kein Verbindungsabbruch, kein Neustart, nichts. Entscheidend ist der Glorious‘ Guardian-Puffer, der das Headset während des Wechselvorgangs eigenständig mit Strom versorgt. Ganze drei Stunden hält dieser interne Akku durch. Wenn man bedenkt, dass der Akkuwechsel selbst vielleicht zehn Sekunden dauert, ist das eine ordentliche Reserve.
Genau hier liegt der Unterschied zur Konkurrenz. SteelSeries‘ Arctis Nova Pro Omni hat ebenfalls wechselbare Akkus, aber das Headset schaltet sich beim Wechsel kurz aus und wieder ein – eine Unterbrechung, die im Heat of Battle nerven kann. Glorious schließt diese Lücke mit dem Puffer. The Verge beschreibt das System als „zero audio downtime“, und PC Gamer nennt den Hot-Swap „einen echten Game-Changer“ für alle, die regelmäßig vergessen, ihr Headset über Nacht zu laden.
Die Akkus selbst sind übrigens verblüffend einfach zu handhaben. Sie werden in die rechte Ohrmuschel geschoben wie eine Patrone, und dank einer orangefarbenen Markierung am unteren Ende ist sofort klar, wo oben und unten ist. Selbst ohne Blickkontakt zum Headset lässt sich der Wechsel im Blindflug erledigen.
Was taugt der Rest? Sound, Mikrofon und Tragekomfort
Ein cleveres Akku-System allein macht noch kein gutes Headset. Die gute Nachricht: Glorious hat auch beim Rest nicht geschlampt.
Die 40-mm-Winkeltreiber kennt man bereits aus dem kabelgebundenen GHS Eternal, und sie liefern auch hier einen ausgewogenen Klang, der weder den Bass übermäßig betont noch die Höhen vernachlässigt. Für Competitive-Shooter reicht die räumliche Ortung völlig aus – Schritte und Schussrichtungen sind präzise lokalisierbar. Wer Wert auf druckvollen Bass legt, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. PC Gamer beschreibt den Sound als „balanced“ und merkt an, dass für den Preis von 230 Euro ein bisschen mehr Tiefe drin gewesen wäre. Über die Glorious CORE Software lassen sich die EQ-Profile aber anpassen, und zwei freie Speicherplätze für eigene Einstellungen sind an Bord.
Das Mikrofon ist ein echtes Highlight. Der abnehmbare Bügelarm liefert eine klare, verständliche Sprachqualität, die selbst in lauten Discord-Runden bestehen kann. Für den Alltag ohne Gaming-Kontext lässt sich der Bügel abnehmen, und ein internes Mikrofon in der Ohrmuschel übernimmt die Arbeit – für Telefonate oder Meetings eine sinnvolle Lösung, auch wenn die Qualität hier naturgemäß etwas nachlässt.
Der Tragekomfort ist für ein Wireless-Headset dieser Klasse ordentlich. Der gefederte Kopfbügel und die Memory-Schaum-Ohrpolster verteilen das Gewicht von 360 Gramm gleichmäßig. Der schwebende Kopfbügel sorgt dafür, dass auch Brillenträger nach stundenlangen Sessions keine Druckstellen fürchten müssen. Die beiden Metall-Drehregler an den Ohrmuscheln fühlen sich hochwertig an und erlauben die Steuerung von Lautstärke, Chat-Mix und Medienwiedergabe, ohne dass man das Spiel verlassen muss.
Ein paar Abstriche gibt es trotzdem: Aktive Geräuschunterdrückung (ANC) sucht man vergeblich, ein Hardcase für den Transport liegt ebenfalls nicht bei. Und das integrierte Mikrofon klingt laut The Verge im Vergleich zum Bügelarm hörbar dünner – der Bügelarm sollte also möglichst immer dran bleiben.
Der Preis der Freiheit: Wo das InfinitePlay im Markt steht
229,99 Euro sind eine Ansage. Für diesen Preis bekommt man auch woanders ordentliche Wireless-Headsets. Das Edifier G5 Max kostet mit 150 Euro deutlich weniger und bietet mit 305 Stunden Akkulaufzeit einen beinahe lächerlichen Wert. Das Cherry XTRFY H3 Wireless liegt ebenfalls unter 200 Euro. Warum also mehr ausgeben?
Die Antwort liegt im Detail. Das InfinitePlay ist nicht das Headset mit der längsten Akkulaufzeit, aber es ist das erste, das beim Wechseln nicht kurz aussetzt. Wer schon einmal erlebt hat, wie das SteelSeries Arctis Nova Pro Omni mitten im Match kurz stumm wird, weil der Akku getauscht wird, weiß, warum das zählt. Glorious‘ Guardian-Puffer macht diesen Moment unsichtbar.
Im Vergleich zur direkten Konkurrenz mit wechselbaren Akkus positioniert sich das InfinitePlay sogar günstig. Das SteelSeries Arctis Nova Pro Omni kostet 399 Euro, das Turtle Beach Stealth Pro II liegt noch darüber, und beim teureren Nova Elite sind es sogar 600 Euro. Für 230 Euro bekommt man also das günstigste Headset mit unterbrechungsfreiem Hot-Swap am Markt – und gleichzeitig die höchste Laufzeit pro Akku in dieser Klasse (85 vs. 60 Stunden beim SteelSeries).
Bleibt die Frage, ob man den Aufpreis gegenüber einfacheren Wireless-Headsets ohne Hot-Swap zahlen will. Wer sein Headset regelmäßig über Nacht lädt und selten in Marathon-Sessions abtaucht, für den ist das InfinitePlay vielleicht overengineered. Wer aber schon einmal um 2 Uhr nachts feststellen musste, dass der Akku bei null ist – und keine Lust hat, den Dongle zu suchen, um doch noch mit Kabel zu spielen –, der wird den Mehrwert sofort verstehen. Glorious selbst bringt es auf den Punkt: Die ausgereifte Akkutechnologie war bisher Produkten der Pro-Klasse vorbehalten – jetzt bekommt sie die breite Masse.