Paramount Pictures plant einen aufwendigen Cyberpunk 2077 Film und bringt das Universum von CD Projekt RED auf die große Kinoleinwand. Zwischen verregneten Straßenschluchten, flackerndem Neonlicht und skrupellosen Megakonzernen soll die raue Dystopie von Night City erstmals als reale Kinoproduktion zum Leben erwachen. Doch ausgerechnet die Wahl des leitenden Produzenten lässt bei Rollenspielern alte Sorgen vor seichtem Hollywood-Krawall aufkeimen.
Transformers-Macher übernimmt die Produktion
Erstmals brachte ein Bericht des Branchenmagazins Deadline das Filmvorhaben an die Öffentlichkeit. Hinter dem Projekt steht Filmproduzent Lorenzo di Bonaventura, der für explosive Kassenhits wie Transformers oder Meg bekannt ist. CD Projekt RED sitzt ebenfalls mit am Verhandlungstisch, um über die filmische Ausrichtung der eigenen Marke zu wachen.
Bislang existieren weder ein fertiges Drehbuch noch Angaben zu einer möglichen Besetzung. Klar ist lediglich, dass Paramount das Projekt als reinrassigen Kinofilm für das weltweite Publikum konzipiert. Nach jahrelangen Spekulationen um Schauspieler Keanu Reeves und seine ikonische Rolle als Johnny Silverhand beginnt damit die konkrete Vorbereitung.
Für CD Projekt RED markiert dieser Schritt die nächste Stufe einer langfristigen Expansionsstrategie. Mit 40 Millionen verkauften Einheiten gehört das Rollenspiel längst zu den kommerziell schwersten Kalibern der gesamten Industrie. Eine Kinoauswertung soll diesen Erfolg nun zementieren und neue Zuschauerschichten erschließen.
Zusätzlichen Rückenwind lieferte die Erweiterung Phantom Liberty, die sich allein über 15 Millionen Mal verkaufte. Dennoch fordert ein solcher Großangriff auf die Kinosäle eine völlig andere Herangehensweise als die Entwicklung von Quests und Patches. Hollywood verzeiht keine halbgaren Kompromisse, wenn Hunderte Millionen Dollar im Spiel sind.
Night City braucht Schmerz statt Explosionen
Wer Lorenzo di Bonaventura engagiert, bucht gewaltige Spezialeffekte und temporeiches Popcorn-Kino. Seine Filmografie umfasst neben gigantischen Roboter-Schlachten allerdings auch Titel wie Doom aus dem Jahr 2005, die bei Fans gemischte Gefühle hinterließen. Ein Action-Gewitter allein reicht für die düstere Vorlage von Mike Pondsmith jedoch nicht aus.
Cyberpunk 2077 lebt von bitteren Niederlagen, existenziellem Nihilismus und dem zermürbenden Kampf des kleinen Mannes gegen übermächtige Konzerne. Verkommt Night City zu einer austauschbaren Kulisse für Verfolgungsjagden und CGI-Duelle, verliert die Vorlage ihr emotionales Gewicht. Spieler wollen keine glattgebügelte Heldenreise sehen, sondern das dreckige Überleben auf den Straßen spüren.
Wie treffsicher eine Adaption sein kann, bewies bereits der erste Trailer zu Edgerunners 2 für das weltweite Publikum. Die Anime-Serie traf genau den richtigen Nerv, weil sie tragische Figuren ohne Scheu vor Schmerz ins Verderben stürzen ließ. Diesen emotionalen Tiefgang muss ein Hollywood-Streifen erst einmal reproduzieren.
Selbst Entwickler Paweł Sasko erinnerte kürzlich daran, dass selbst gefeierte Erfolge die Wunden des einstigen Fehlstarts niemals tilgen. Diese Demut sollte auch Paramount verinnerlichen, bevor sie ein Drehbuch freigeben. Wer die Fans gewinnen will, muss den Zynismus der Vorlage ernst nehmen.
CD Projekt treibt zwei Verfilmungen voran
Die Meldung über den Kinofilm wirft sofort eine drängende Frage zur bisherigen Planung des polnischen Publishers auf. Bereits im Herbst 2023 kündigte das Studio eine Live-Action-Serie an
Ob Paramount dieses Serienkonzept nun ablöst oder ob beide Projekte parallel nebeneinander existieren, bleibt vorerst ungeklärt. CD Projekt RED baut das Universum gezielt auf mehreren medialen Ebenen aus, um die Wartezeit auf das nächste Spiel zu überbrücken. Eine Zweigleisigkeit aus TV-Drama und Kino-Spektakel würde die Marke endgültig im Mainstream verankern.
Gleichzeitig arbeitet das Entwicklerstudio an Project Orion, das laut Serienschöpfer Mike Pondsmith als Chicago gone wrong eine völlig neue Metropole abseits von Night City aufbaut. Ein Kinofilm könnte demnach als Bindeglied dienen, um vertraute Schauplätze noch einmal zu beleuchten. Fans erhalten so frisches Futter, während die Codezeilen des Nachfolgers noch geschrieben werden.
Die größte Herausforderung bleibt dabei die kreative Kontrolle über das Drehbuch. Publisher geraten bei Hollywood-Deals oft in die Defensive, sobald große Filmstudios eigene Prioritäten durchsetzen wollen. CD Projekt RED darf das mühsam aufgebaute Vertrauen der Spielerschaft keinesfalls für schnelle Lizenzeinnahmen opfern.
Paramount setzt alles auf Gaming-Blockbuster
Der Vorstoß in Richtung Night City ist für Paramount Pictures kein isoliertes Experiment. Das traditionsreiche Hollywood-Studio baut sein Portfolio derzeit aggressiv mit starken Lizenzen aus der Games-Branche um. Videospiele gelten in Hollywood nicht länger als Nischenware, sondern dienen als tragende Pfeiler für künftige Kinoprogramme.
Erst kürzlich schloss das Studio die Produktion an Street Fighter ab und bereitet den Kinostart für Mitte Oktober vor. Parallel dazu entsteht eine Verfilmung von Call of Duty, für die Filmemacher Peter Berg und Autor Taylor Sheridan engagiert wurden. Paramount sucht gezielt nach Marken, die Millionen treue Anhänger mitbringen.
Dieser Wettlauf um beliebte Spielwelten birgt jedoch erhebliche Risiken für die Qualität der Drehbücher. Wenn Studios Lizenzen horten, gerät die künstlerische Vision hinter den Projekten schnell ins Hintertreffen. Night City braucht Zeit, Schmutz und eine kompromisslose Altersfreigabe, um auf der Leinwand glaubwürdig zu wirken.
Gelingt es den Machern, den Geist der Vorlage einzufangen, steht uns ein filmisches Ereignis der Extraklasse bevor. Versagt Paramount bei der Umsetzung, wird die Community die Rechnung an den Kinokassen gnadenlos präsentieren. Der Spagat zwischen Blockbuster-Format und dystopischem Tiefgang entscheidet über Erfolg oder Untergang.