CD Projekt Red zieht beim geplanten Kino-Debüt von Night City eine radikale Grenze, die Hollywoods bequeme Adaptions-Formel pulverisiert. Co-CEO Michał Nowakowski stellt im Gespräch mit der polnischen Presseagentur klar, dass der kommende Cyberpunk 2077 Film unter dem Dach von Paramount entsteht – aber unter einer völlig neuen Prämisse. Jahrelang scheiterten Videospiel-Verfilmungen am krampfhaften Abfilmen digitaler Quest-Routen, doch die Warschauer Entwickler erteilen den Abenteuern von V eine offizielle Absage: Im Kino startet eine eigenständige Geschichte im Universum statt einer platten Eins-zu-eins-Kopie.
Das Ende der Anonymous-Ära und der Neustart mit Paramount
Die 2023 angekündigte Live-Action-Adaption mit Anonymous Content ist Geschichte, weil der Vertrag auslief – und Paramount Pictures stattdessen als neuer Partner einsprang. Nowakowski bestätigte die Neuigkeit im PAP-Biznes-Interview und lieferte gleich die entscheidende Pointe mit: „Wir haben entschieden, dass wir ein Live-Action-Cyberpunk-Projekt in einer neuen Form durchführen werden.“ Das ist keine harmlose PR-Floskel, sondern eine bewusste Abkehr vom klassischen Adaptionspfad.
Denn während Anonymous Content noch an einer direkten Umsetzung von Vs Geschichte bastelte, hat Paramount mit Lorenzo di Bonaventura einen Mann an Bord geholt, dessen Track Record von Transformers bis G.I. Joe reicht – ein Produzent, der große Marken skalieren kann, aber sicher kein Garant für erzählerische Subtilität ist. Genau deshalb ist Nowakowskis Ansage so wichtig: Sie zieht eine Grenze zwischen dem, was Paramount darf (nämlich einen Film im Cyberpunk-Universum produzieren), und dem, was CDPR nicht zulässt (nämlich die Zerstückelung von Vs Geschichte für ein 120-Minuten-Skript).
Die neue Formel lautet also: Night City ja, V nein. Und wer jetzt protestiert, weil Keanu Reeves als Johnny Silverhand einer der wenigen unbestreitbaren Höhepunkte des Spiels war, dem sei gesagt: Genau diese Erwartungshaltung ist das Problem. Ein Film, der versucht, die 60-Stunden-Erzählung eines Open-World-RPGs in einen Kinofilm zu pressen, endet zwangsläufig als Honey-I-Shrunk-The-Plot – und das hat CDPR offenbar verstanden.
Warum Night City ohne V funktioniert – und Edgerunners den Beweis liefert
Genau hier wird es spannend: Die Behauptung, dass eine Geschichte in Night City ohne V funktionieren kann, ist keine bloße Theorie – sie ist bereits erprobt. Cyberpunk: Edgerunners hat 2022 vorgemacht, wie es geht: zehn Folgen, eine komplett neue Besetzung, ein eigenständiger Handlungsbogen, und am Ende stand eine der besten Gaming-Adaptionen aller Zeiten. Kein V, kein Johnny, kein Ballast aus dem Hauptspiel – und trotzdem fühlte sich jede Minute nach Night City an.
Die zweite Staffel von Edgerunners 2 startet am 20. Oktober 2026 auf Netflix und wird aller Voraussicht nach denselben Weg gehen: neue Figuren, neue Tragödie, dieselbe neongetränkte Hölle. CDPR hat also bereits den Beweis in der eigenen IP, dass die Welt stark genug ist, um ohne die bekannte Hauptfigur zu tragen. Warum sollte das für einen Realfilm nicht gelten? Die Antwort liegt in der Struktur des Franchise selbst: Night City ist kein Schauplatz, es ist ein Charakter – und Charaktere sterben in diesem Universum bekanntlich schneller, als man „Relic-Malfunction“ sagen kann.
Der eigentliche Gewinn dieser Entscheidung ist erzählerische Freiheit. Ein Film, der sich nicht an Vs Entscheidungen, Romanzen und dem kanonischen Ende (welches auch immer das sein mag) abarbeiten muss, kann sich auf das konzentrieren, was Cyberpunk im Kern ausmacht: die zermalmende Logik des Kapitalismus, die Zerbrechlichkeit des Fleisches und die Frage, wie viel Menschlichkeit man behalten darf, wenn einem die Stadt alles nimmt. Das ist die Geschichte, die Paramount erzählen sollte – nicht die Nacherzählung eines Spiels, das die meisten Zuschauer ohnehin schon gespielt haben.
40 Millionen Verkäufe, verlorene Fans und die Frage nach dem Warum
Die Zahlen, die hinter dieser Entscheidung stehen, sind weniger poetisch. 40 Millionen verkaufte Einheiten hat Cyberpunk 2077 bis Juli 2026 abgesetzt – ein Comeback, das in der Branche seinesgleichen sucht. Doch dieselbe Zahl, die CDPR zum erfolgreichsten polnischen Spieleentwickler aller Zeiten macht, erinnert auch an den Preis: Den katastrophalen Launch 2020, den Rauswurf aus dem PlayStation Store und eine Vertrauenskrise, von der sich manche Fans nie erholt haben.
Nowakowski selbst hat das nie beschönigt: „Ich bin nicht zu 100 Prozent überzeugt, dass wir den kompletten Redemption-Arc durchlaufen haben“, sagte er bereits 2025 mit Blick auf die verlorenen Fans. Genau diese Haltung erklärt, warum der Film keine sichere Bank werden soll. Ein weiteres Produkt, das die Erwartungen der Community nicht erfüllt, könnte den mühsam aufgebauten Kredit wieder verspielen. Ein Film, der von vornherein klar kommuniziert, was er nicht ist – nämlich die Verfilmung des Spiels –, senkt die Erwartungen auf ein Niveau, auf dem man sie überhaupt erst erfüllen kann.
Die Ironie dabei: Ausgerechnet die Entscheidung, V außen vor zu lassen, könnte dem Film die größte Chance auf erzählerische Relevanz geben. Denn die beste Cyberpunk-Geschichte ist nicht die, die man schon kennt – sondern die, die in derselben kaputten Welt spielt und trotzdem neu ist. Ob Paramount das begreift, steht auf einem anderen Blatt. Aber CDPR hat zumindest die richtige Grenze gezogen.
