Team Clout hat beim State of Play einen neuen Story-Trailer zu ILL präsentiert – und der ist selbst für abgebrühte Horror-Fans eine Grenzerfahrung. Das in Zypern ansässige Studio, das bislang vor allem durch Filmprojekte wie Longlegs und Until Dawn bekannt war, wagt mit ILL den Sprung in die Spieleentwicklung. Der neue Trailer, aufgenommen auf einer PS5 Pro, zeigt erstmals neue Charaktere, groteske Monster und ein detailliertes Abtrennungssystem – und nennt 2027 als Release-Zeitraum für PS5, Xbox Series X|S und PC. Ob das Film-Know-how allerdings für ein komplettes Spiel reicht, bleibt die entscheidende Frage.
Vom Filmset ins Spiele-Studio: Wer steckt hinter ILL?
Team Clout ist kein gewöhnliches Indie-Studio. Die Entwickler kommen aus der Filmindustrie und haben an einer Reihe hochkarätiger Horror-Produktionen mitgewirkt:
- Longlegs (2024) – einer der meistdiskutierten Horrorfilme des Jahres
- Until Dawn (Film-Adaption, 2025)
- IT: Welcome to Derry – die Max-Serie im Stephen-King-Universum
- V/H/S/Beyond und Azrael – Festival-gefeierte Genre-Beiträge
- Verschiedene Sony Pictures Horror-Projekte
Diese Vita erklärt, warum der erste Trailer bereits 2025 selbst Horror-Veteranen erschaudern ließ: Team Clout versteht Bildkomposition, Lichtsetzung und praktische Effekte auf einem Niveau, das man in Spielen selten sieht. Game Director Max Verehin spricht von einer „filmreifen Immersion“, die das Studio anstrebt. Das Problem: Optisch herausragende Trailer sind keine Garantie für gutes Spieldesign. Zwischen einer beeindruckenden CGI-Sequenz und einem funktionierenden Spiel mit Trefferfeedback, Balancing und bugfreier Physik liegt ein gewaltiger Sprung. Dass der PlayStation Blog bereits im März einen tiefen Einblick in diese Transition gewährte, macht die Herausforderung deutlich: Filmemacher müssen plötzlich über KI-Routinen, Waffen-Balancing und Speicher-Management nachdenken.
Was der State-of-Play-Trailer wirklich zeigt
Das neue Material, präsentiert bei Sonys State of Play am 2. Juni, gewährt den bislang umfangreichsten Blick auf ILL. Der Schauplatz ist eine weitläufige Forschungseinrichtung, in der etwas „Sinisteres“ erwacht ist. Die sogenannten Aberrations – grotesk verformte Kreaturen mit unberechenbarem Verhalten – haben den Komplex überrannt. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Protagonisten, der sich durch beengte Innenräume und größere Außenbereiche kämpft, um die Wahrheit hinter der Katastrophe aufzudecken.
Zwei Gameplay-Säulen stechen hervor:
Das Abtrennungssystem: ILL setzt auf eine detaillierte Körper-Schadensdarstellung, die an Dead Space erinnert, aber fotorealistischer daherkommt. Gliedmaßen lassen sich gezielt abtrennen, Trefferzonen reagieren unterschiedlich – das ist kein Splatter-Selbstzweck, sondern taktisches Werkzeug im Kampf gegen die Aberrations.
Knallharte Ressourcenknappheit: Munition ist ein Luxusgut. Der Trailer zeigt improvisierte Nahkampfangriffe – Rohre werden aus Wänden gerissen und nutzen sich mit jedem Schlag ab, Ziegelsteine betäuben Gegner. Wer nicht haushälterisch mit seinen Schusswaffen umgeht und stattdessen auf Umgebungsobjekte setzt, wird schnell ins Straucheln geraten.
Mundfish-CEO Robert Bagratuni beschreibt die Wirkung so: „ILL sieht nicht nur visuell beeindruckend aus – es definiert neu, wie real sich ein Horror-Spiel anfühlen kann.“ Das ist eine starke Behauptung, die sich am fertigen Produkt messen lassen muss – und angesichts der Tatsache, dass Resident Evil Requiem jüngst bewies, wie schwer der Spagat zwischen Action und echtem Horror selbst für Genre-Veteranen wie Capcom ist, sollte man die Erwartungen nicht allein auf Trailer-Versprechen stützen.
Unreal Engine 5 und PS5 Pro – ein zweischneidiges Schwert
Das gezeigte Material wurde explizit auf der PlayStation 5 Pro aufgenommen. Unreal Engine 5 mit Lumen-Beleuchtung und Nanite-Geometrie liefert zweifellos atemberaubende Bilder – die Frage ist, zu welchem Preis. Horror-Spiele profitieren enorm von realistischer Beleuchtung, und die gezeigten Innenräume mit dynamischen Lichtquellen und volumetrischem Nebel sehen spektakulär aus.
Die Schattenseite: UE5-Titel kämpfen auf der Basis-PS5 und Xbox Series X regelmäßig mit suboptimalen Framerates und reduzierter Auflösung. Ein Spiel, das auf präzises Treffer-Feedback und das Abtrennungssystem setzt, kann sich kein instabiles Framepacing leisten. Dass der Trailer ausschließlich PS5-Pro-Material zeigt und kein Wort zur Performance auf den Standard-Konsolen fällt, ist ein klassisches Warnsignal.
Immerhin: ILL ist längst kein unbekannter Geheimtipp mehr. Auf Steam hat der Titel bereits über eine Million Wishlist-Einträge gesammelt – eine Zahl, die den enormen Hype und die entsprechend hohe Fallhöhe dokumentiert. Auch GameStar führt das Spiel bereits als eines der vielversprechendsten Horror-Projekte.
2027 und ein Publisher mit bewegter Vergangenheit
ILL wird unter dem Label Mundfish Powerhouse veröffentlicht – und das ist die zweite große Unbekannte neben Team Clouts Spiele-Debüt. Mundfish selbst, das bei Atomic Heart 2 bewusst auf generative KI verzichtet, lieferte mit Atomic Heart 2023 einen ambitionierten Shooter ab, der zum Launch von Bugs, Balancing-Problemen und einer polarisierenden Spielwelt geplagt war. Das Powerhouse-Label ist Mundfishs erster Ausflug ins Publishing – ein Risikofaktor, der in der PR selbstverständlich unerwähnt bleibt.
Das Release-Fenster „2027“ bleibt zudem auffällig vage. Kein Quartal, kein Monat – für ein Spiel, das seit Juni 2022 öffentlich bekannt ist und nun schon den dritten großen Trailer-Zyklus durchläuft, ist ein Zeichen dafür, dass noch beträchtliche Entwicklungsarbeit ansteht. Gematsu bestätigt den Release-Zeitraum lediglich als Jahr.
