Virtua Fighter meldet sich zurück – und zwar mit einem Paukenschlag, der die Hardcore-Fans der Serie gleichermaßen elektrisieren wie verstören dürfte. SEGA und RGG Studio haben im Anschluss an das Summer Game Fest einen tiefen Einblick in Virtua Fighter Crossroads gewährt – und was dabei zum Vorschein kam, hat mit dem schnörkellosen Arcade-Prügler von einst nur noch bedingt zu tun. Statt reiner Kampfarena setzt RGG auf vier Protagonisten, eine verwobene Kinostory und eine offene Stadt als Spielwiese. Die Kampfspiellegende, die seit 2006 auf einen echten Nachfolger wartet, soll 2027 erscheinen. Nur auf welchen Plattformen, das verrät SEGA bislang nicht.
Wenn aus einem Fighting Game plötzlich ein Yakuza wird
RGG Studio macht keinen Hehl daraus, dass Virtua Fighter Crossroads die Identität der Reihe grundlegend verschiebt. Das Studio, das mit der Yakuza-Reihe und Judgment narrative Brawler zur Perfektion getrieben hat, bewirbt Crossroads als „erzählerisches Fighting Adventure“. Auf dem Papier bedeutet das: Story und Kampf verschmelzen nahtlos, Spieler erleben die Handlung aus der Perspektive von vier verschiedenen Protagonisten, die in der Stadt Vilasapara aufeinandertreffen.
Die Parallelen zu RGGs Hausmarke Yakuza sind unübersehbar. Eine atmende Stadt mit Nebenquests, zwielichtigen Syndikaten und einem Untergrundturnier als zentralem Aufhänger – das klingt verdächtig nach Kamurocho mit Roundhouse-Kicks. Für Fans der alten Virtua-Fighter-Schule, die seit Jahrzehnten auf Frame-Data, perfekte Spacing-Duelle und messerscharfes Balancing schwören, birgt dieser Richtungswechsel echten Sprengstoff.
Denn während Street Fighter 6 und Tekken 8 ihre kompetitiven Kerne bewahrt und lediglich mit optionalen Story-Modi ergänzt haben, dreht RGG das Konzept radikal um: Story first, Kampf als narratives Vehikel. Ob der separat angekündigte Versusmodus mit lokalen und Online-Optionen genug Tiefe für die Turnierszene liefert, bleibt die entscheidende Frage.
Vier Schicksale, eine Stadt und ein höchst fragwürdiges Turnier
Die Prämisse klingt wie der Stoff, aus dem RGG seine größten Hits strickt. Im Jahr 20XX beendete die „Arma Carta“ eine Ära des Blutvergießens in Vilasapara – einer Inselstadt, die als „Stadt des Kampfsports“ firmiert und in mehrere Bezirke unterteilt ist. Präsident Bato möchte das Untergrundturnier „Vila Fight Fest“ zum Nationalsport aufwerten, während ein mysteriöser „Bakunawa Killer“ Kampfkünstler attackiert.
An diesem Wendepunkt kreuzen sich die Schicksale von vier Fremden, deren Entscheidungen – sowohl im Kampf als auch außerhalb – Allianzen schmieden und Konsequenzen nach sich ziehen sollen. Die Stadt selbst verspricht RGG-typische Dichte: Nebenquests, Begegnungen mit Einheimischen und ein „Schmelztiegel verborgener Machenschaften“.
Das alles liest sich nach einem soliden RGG-Drama. Die unbeantwortete Frage ist, ob die Kampfmechaniken – das Herzstück jeder Virtua-Fighter-Erfahrung – in diesem erzählerischen Überbau nicht zur Nebensache verkommen. Mehrere Gegner gleichzeitig, Bossduelle und cineastische Inszenierung sind nette Schlagworte, ersetzen aber keine Aussage zu Frame-Data, Bewegungslisten oder Netcode-Qualität.
Ein Kampfsystem zwischen taktischer Tiefe und Show-Effekten
Battle Director Yosuke Takeda verspricht, das „schlanke, intuitive Design“ der Reihe beizubehalten und gleichzeitig „maximale taktische Tiefe mit gesteigertem visuellem Realismus“ zu verbinden. Die legendären Mindgames, für die Virtua Fighter unter Turnierspielern berüchtigt ist, sollen erhalten bleiben.
Doch zwischen den Zeilen schwingt eine gehörige Portion Skepsis mit. Die Dragon Engine, auf der RGG all seine Spiele aufbaut, hat in Virtua Fighter 5 Ultimate Showdown bereits 2021 gezeigt, dass sie mit den Anforderungen eines kompetitiven Kampfspiels hadert. Input-Lag und eine auf 30fps-Action-Adventures optimierte Architektur sind keine gute Ausgangslage für ein Genre, in dem jedes einzelne Frame über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Hinzu kommt, dass die Präsentation im Showcase vor allem inszenierte Kämpfe gegen mehrere Gegner und spektakuläre Bossduelle zeigte – Szenen, die eher nach Yakuza-typischen Straßenschlägereien aussahen als nach den präzisen Eins-gegen-Eins-Duellen, die Virtua Fighter groß gemacht haben. Das macht misstrauisch, muss aber kein Todesurteil sein: RGG hat mit Stranger Than Heaven bereits bewiesen, dass das Studio sein Kampfsystem grundlegend neu denken kann.
David Hayter, Brad Kane und das Writer-Dreamteam
Das vielleicht stärkste Argument für Crossroads liefert das zusammengestellte Autorenteam. Als Supervisor für den Weltenbau fungiert kein Geringerer als David Hayter – die ikonische Stimme von Solid Snake, die auch als Drehbuchautor für X-Men und Watchmen reichlich Erfahrung im orchestrieren komplexer Erzählwelten mitbringt.
Lead Writer Brad Kane steuerte bereits die vielschichtige Geschichte von Ghost of Tsushima mit und wurde für As Dusk Falls mit einem Game Award ausgezeichnet. Unterstützt wird das Duo von Szenarioregisseur Tsuyoshi Furuta (Like A Dragon, Judgment) und Szenarioautor Shinji Yamamoto (Persona 5 Royal, Shin Megami Tensei IV).
Diese personelle Bestückung ist eine echte Ansage und unterstreicht, wie ernst SEGA den narrativen Anspruch des Projekts nimmt. Gleichzeitig verstärkt sie den Eindruck, dass Virtua Fighter Crossroads eher als interaktiver Thriller denn als kompetitives Fighting Game konzipiert ist. Was für Story-Fans ein Fest sein dürfte, lässt Turnierspieler mit hochgezogener Augenbraue zurück.
