Bruce Straley hat Uncharted 4 und The Last of Us als Game Director verantwortet – zwei Spiele, die für eine ganze Generation definiert haben, wie ein modernes AAA-Abenteuer auszusehen hat. Wer so etwas gebaut hat, darf über die Branche reden. Wenn dieser Mann jetzt sagt, dass er bei einem der größten Spiele des kommenden Jahres nicht mehr begeistert ist, dann ist das keine Randnotiz. Es ist ein Befund.
Ein Interview, das Spuren hinterlässt
Im Gespräch mit dem britischen Edge Magazine nimmt Straley sich God of War Laufey vor – Sonys nächstes großes Zugpferd, das im Februar 2027 erscheint. Und was er sagt, ist eine Mischung aus Respekt und Enttäuschung: „Ich schaue mir dieses Spiel an, und jeder Pixel ist umwerfend. Die Menge an Arbeit und Können, die in jedes einzelne Bild geflossen ist – ich habe solche Spiele selbst gemacht, und ich bin immer noch sprachlos. Aber wenn ich mir anschaue, was man im Spiel tatsächlich tut? Ich bin nicht begeistert.“
Dass Straley Laufey namentlich nennt, macht den Satz brisant. Er kritisiert nicht irgendein Studio, sondern Sony Santa Monica – und damit einen direkten Nachbarn seiner alten Wirkungsstätte Naughty Dog. Sein Vorwurf richtet sich nicht gegen die Qualität der Arbeit, sondern gegen die Risikoaversion eines Systems, das aus technischer Brillanz und bewährten Formeln besteht. „Über die gesamte AAA-Landschaft hinweg habe ich das Gefühl, dass es keine Gelegenheit mehr gibt, frische, innovative Ideen einzubringen.“
Für einen Mann, der selbst in einem Studio groß wurde, das seit 2020 wegen seiner langen Entwicklungszyklen in der Kritik steht, ist das kein Zufall. Es ist eine Diagnose von innen.
Warum diese Kritik Gewicht hat
Straley ist nicht irgendein Ex-Entwickler mit Meinung. Er hat 2017 Naughty Dog verlassen – offiziell, weil er „neue Probleme zu lösen“ versuchte. In einem späteren Interview sagte er, es sei Zeit gewesen, „auszubrechen und es auf eigene Faust zu versuchen“. Dieser Schritt führte 2022 zur Gründung von Wildflower Interactive, einem unabhängigen Studio mit eigenem Anspruch. Der erste Titel, Coven of the Chicken Foot, wurde 2025 bei den Game Awards enthüllt – ein Spiel, das genau das einlösen soll, was Straley an der AAA-Branche vermisst.
Man muss die Vita kennen, um seinen Frust zu verstehen. Straley hat Uncharted 4 geformt, The Last of Us mit aufgebaut, und dann zugesehen, wie die Studios, in denen er groß wurde, in genau die Richtung weiterliefen, die ihn damals zum Ausstieg bewogen hat. Wer diese Reise verfolgt, liest den Edge-Satz nicht als Angriff, sondern als Bilanz.
Dass sich mit dem Uncharted-Remake und anderen Neuauflagen gerade eine ganze Welle an Wiederverwertungen über die Branche ergießt, ist dabei kein Zufall. Straley steht exemplarisch für einen Teil der Industrie, der sich fragt: Warum nicht neue Ideen statt alter Sicherheiten?
Was das für God of War Laufey und die Branche bedeutet
Wer Straleys Kritik als reine Provokation abtut, macht es sich zu leicht. God of War Laufey ist tatsächlich ein Risiko – aber nicht das, das Straley meint. Dass Faye die Hauptrolle übernimmt und Kratos nicht mehr spielbar ist, war für Sony Santa Monica selbst eine mutige Entscheidung. Nur: Mut in der Narration ersetzt keinen Mut im Gameplay. Und genau da setzt Straley an.
Seine Sorge gilt nicht einem einzelnen Spiel, sondern einem System. Blockbuster wie God of War Laufey – mit einem Release-Termin am 16. Februar 2027 mitten in einem überfüllten Monat – müssen sich wirtschaftlich rechnen. Das fördert sichere Entscheidungen, bewährte Mechaniken, bekannte Marken. Innovativ ist daran vor allem die Grafik. Die Frage, die Straley stellt, ist einfach und unangenehm zugleich: Reicht das noch?
Wer in den vergangenen Jahren beobachtet hat, wie oft die Branche über Überlängen, Fortsetzungen und den schwindenden Raum für neue Marken klagt, erkennt in Straleys Interview die logische Fortsetzung dieser Debatte. Sie kommt diesmal von jemandem, der es besser wissen müsste – und der selbst den Beweis antreten will, dass es anders geht. Wildflower Interactive ist der Versuch. Ob er gelingt, wird sich nicht an einem Marketing-Trailer entscheiden, sondern daran, ob Straley am Ende etwas liefert, das er sich vorher selbst gewünscht hätte.