Es ist der nächste Tiefpunkt in einer endlosen Serie: Am heutigen Samstag will Build a Rocket Boy einen „all-expenses-paid playtest day“ für ihre Arcadia-Plattform ausrichten – mit eingeflogenen Fans, kostenlosen Getränken und direkter Feedback-Runde. Direkt davor werden entlassene Mitarbeiter stehen. Die Gewerkschaft IWGB hat für 11 Uhr Ortszeit einen Protest vor dem Edinburgh-Büro angemeldet, bei dem rund 20 ehemalige Angestellte und Unterstützer erwartet werden. Und wer die letzten Monate verfolgt hat, weiß: Das ist kein isolierter Wutausbruch, sondern der logische Endpunkt einer Misere, die sich seit dem Launch von MindsEye Woche für Woche verschärft hat.
170 Kollegen entlassen – aber Geld für eingeflogene Fans ist da
Im Mai dieses Jahres strich das Studio 170 Stellen – die zweite große Entlassungswelle binnen weniger Monate, die die Belegschaft auf rund 80 Mitarbeiter reduzierte. Übrig geblieben ist ein Bruchteil der Leute, die MindsEye entwickelt haben. Der Release des Spiels im Juni 2025 war ein Desaster: Spieler berichteten von Performance-Problemen, Bugs und einer enttäuschenden Qualität, die selbst ein Notfall-Hotfix nicht mehr retten konnte. Die Steam-Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – gerade mal 48 gleichzeitige Spieler im 24-Stunden-Peak. Zum Vergleich: Das sind Zahlen, die man sonst von längst vergessenen Indie-Titeln kennt, nicht von einem Projekt, das ursprünglich als Triple-A-Leuchtturm geplant war.
Trotzdem fliegt das Studio jetzt offenbar Creator ein, um neue Arcadia-Features zu testen. Laut offizieller Begründung sei es ein „community event as part of our ongoing commitment to our game creation system, Arcadia“ – also ein Community-Event im Rahmen des Engagements für die hauseigene Kreativ-Plattform. Dass parallel entlassene Mitarbeiter vor der Tür stehen, die monatelang im Crunch geschuftet haben, scheint dabei keine Rolle zu spielen.
Crunch, Spionage-Vorwürfe und ein CEO, der an Verschwörungen glaubt
Wer sich fragt, wie es so weit kommen konnte, muss auf die Führungsetage schauen. CEO Mark Gerhard hat sich in den letzten Monaten weniger mit der Rettung des Spiels beschäftigt als mit der Suche nach externen Schuldigen. Seine These: „organized espionage and corporate sabotage“ – also eine organisierte Sabotage-Kampagne gegen MindsEye. Ein YouTuber wurde öffentlich beschuldigt, eine Unterlassungsaufforderung folgte. „Overwhelming evidence“ werde man vorlegen, so Gerhard – passiert ist bisher nichts.
Die ehemaligen Mitarbeiter zeichnen ein anderes Bild. Chris Wilson, Lead Animator von MindsEye, sprach offen über die Arbeitsbedingungen: „I think Cinematics were crunching for somewhere between six to nine months“ – das Cinematics-Team habe sechs bis neun Monate lang im Crunch gearbeitet. Acht Stunden Minimum, aber viele hätten weit mehr gearbeitet – ohne angemessene Kompensation. Die toxische Kultur, die Wilson beschreibt, deckt sich mit Berichten über systematische Mitarbeiterüberwachung via „Teramind“-Software, gegen die die IWGB bereits Klage eingereicht hat.
MindsEye ist tot – Build a Rocket Boy redet lieber von Arcadia
Das eigentliche Drama ist: MindsEye selbst spielt längst keine Rolle mehr. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass das Action-Adventure Teil der „Everywhere“-Plattform (später umbenannt in Arcadia) wird – einer Art „Roblox für Erwachsene“ von GTA-Schöpfer Leslie Benzies. Nach dem katastrophalen Release trennte sich Publisher IO Interactive von Build a Rocket Boy, das Spiel dümpelt seither auf der Steam-Seite mit unter 50 gleichzeitigen Spielern vor sich hin.
Statt das sinkende Schiff zu räumen, redet die Führung von Arcadia. Von einer Plattform, die Kreativen Werkzeuge geben soll – während die Kreativen, die MindsEye gebaut haben, vor der Tür stehen und protestieren. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte kaum größer sein.
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