„Ich liebe physische Medien“, sagt der Mann, dessen nächstes Spiel ohne Disc auskommt. Dan Houser, Mitgründer von Rockstar Games und kreativer Kopf hinter GTA, hat sich auf der San Diego Comic-Con 2026 in einem IGN-Interview zur Zukunft der Disc geäußert. Und seine Antwort ist typisch Houser: entwaffnend ehrlich, pragmatisch – und voller Widersprüche. Denn der Mann, der mit GTA eine Industrie geprägt hat, die gerade dabei ist, das physische Spiel zu begraben, ist genauso hin- und hergerissen wie alle anderen.
Der Widerspruch, den keiner aufgelöst kriegt
Houser sagt zwei Dinge im selben Atemzug. Erstens: „Ich weiß nicht, ob es mich persönlich interessiert.“ Zweitens: „Aber wenn Leute das wollen, sollten Unternehmen es anbieten.“ Und dann, fast beiläufig: „Ich liebe physische Medien.“
Das ist kein Wankelmut. Das ist die präzise Beschreibung eines Dilemmas, das die ganze Branche gerade durchmacht. Auch Houser genießt die Bequemlichkeit des Digitalen – Updates patchen, Bugs fixen, Spiele am Flughafen auf den Steam Deck ziehen. Aber er spürt auch den Verlust. Sein langjähriger Kollege Lazlow Jones, der mit ihm bei IGN auf der Bühne saß, bringt es auf den Punkt: „Wir alle haben dieses Gefühl, wenn man die Kopie bekommt und die Disc einlegt.“
Das Problem ist nur: Das Gefühl allein rechtfertigt keine Produktionskette.
Während Houser redet, zieht die Industrie weiter
Housers Auftritt kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Debatte längst keine theoretische mehr ist. Sony hat den Stecker für die PlayStation-Disc offiziell angekündigt: Ab Januar 2028 gibt es keine neuen Spiele mehr auf Blu-ray. Die PS6 kommt ohne Laufwerk. Die Branche hat sich mit Hideo Kojima, Yoko Taro und sogar Ubisoft-Chef Yves Guillemot längst positioniert – die einen warnend, die anderen abwinkend.
Und dann ist da noch das kleine Detail, dass Housers eigenes Baby, GTA 6, am 19. November ohne Disc in den Handel kommt. CI Games-CEO Marek Tyminski hat ausgerechnet, dass Rockstar mit diesem Zug den physischen Markt endgültig unter Druck setzt – ob gewollt oder nicht. Seine Rechnung: 23 Dollar Unterschied pro Spiel zwischen digital und physisch. Bei einem Preis von 80 Euro für die Standard Edition und einer Prognose von 51 Millionen Einheiten in der ersten Woche – die Dimensionen sprengen jedes Kalkül.
Die ehrliche Wahrheit hinter dem „I don’t care“
Was Housers Aussage so bemerkenswert macht, ist nicht die Position. Es ist die Ehrlichkeit. Er tut nicht so, als wäre die Disc eine Herzensangelegenheit, für die er kämpft. Er sagt: „Ich weiß nicht, ob es mich interessiert.“ Das ist kein Satz, den man in einer PR-geschulten Antwort findet. Das ist ein Mann, der 25 Jahre Spiele auf Discs ausgeliefert hat und jetzt nüchtern feststellt, dass die Alternative in vielen Situationen einfach praktischer ist.
Trotzdem fällt auf: Houser weicht der Frage aus, ob die Disc komplett verschwinden sollte. „Wenn Leute das wollen, sollten Unternehmen es anbieten“ – das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, aber es ist eine Floskel. Denn genau das passiert ja nicht. Sony bietet es nicht mehr an. Rockstar bietet es nicht mehr an. Die „Leute, die das wollen“ werden immer leiser, weil ihnen gar keine Wahl mehr bleibt.
Vielleicht ist das der Grund, warum Houser so beiläufig „I love physical media“ hinterherschiebt. Nicht als Statement. Sondern als Erinnerung an etwas, das auch er nicht festhalten kann.
