Der Kahlschlag bei Microsoft Gaming trifft plötzlich auf unerwarteten Widerstand. Statt Arkane Lyon nach der angekündigten Abstoßungswelle einfach abzuwickeln, stehen auf einmal mehrere Publisher für das renommierte Studio von Marvel’s Blade Schlange. Angeführt von Ubisoft wittern Branchengrößen ihre Chance auf ein hochkarätiges Prestige-Team. Für Xbox entwickelt sich der geplante Abschied zur diplomatischen Zerreißprobe, weil die Schließungspläne in Europa an unüberwindbare Hürden stoßen.
Unerwartete Kaufangebote bringen Redmond ins Schwitzen
Microsoft wollte Arkane Lyon eigentlich schon loswerden, doch jetzt gibt es plötzlich gleich drei konkrete Angebote anderer Gaming-Konzerne für das französische Studio. Nachdem Xbox-Chefin Asha Sharma im Sommer die Abspaltung von fünf Studios verkündete und insgesamt 3.200 Stellen strich, schien das Urteil gesprochen. Doch anstatt sang- und klanglos die Lichter zu löschen, entfacht die Suche nach einem Käufer überraschendes Interesse. Branchen-Insider Jason Schreier berichtet, dass neben zwei weiteren Interessenten auch Ubisoft seinen Hut in den Ring geworfen hat.
Ausgerechnet Ubisofts Vorstoß entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie. Der französische Großverlag kämpft selbst an mehreren Fronten, ringt um Einsparungen und steht unter strenger Beobachtung seiner Aktionäre. Ein Zukauf von Arkane würde allerdings auf einen Schlag die eigene kreative Durststrecke beenden und ein eingespieltes Team sichern, das nicht erst mühsam aufgebaut werden muss. Für Microsoft bedeutet das rege Interesse vor allem eines: Der schnelle Ausstieg verwandelt sich in zähe Verhandlungen. Denn Redmond kann den Stecker nicht einfach nach Belieben ziehen, sondern prallt frontal an europäischen Gesetzen ab.
Frankreichs Kündigungsschutz zwingt den Konzern zur Geduld
Hinter den Kulissen bestimmt nämlich nicht die Chefetage in Washington das Tempo, sondern das Arbeitsrecht der Republik. Wer in Frankreich Betriebe dieser Größenordnung schließen will, muss strenge Konsultationsphasen mit dem Betriebsrat durchlaufen und aktiv nach Investoren suchen. Microsoft musste die ursprüngliche Frist daher bis zum 13. Dezember verlängern. Scheitern die Gespräche, droht der Wegfall von 217 Stellen – allerdings zu astronomischen Abfindungskosten, die für den US-Konzern weitaus teurer wären als ein geordneter Verkauf.
In Lyon regiert derweil blanke Wut auf das Management.
Gewerkschaftsvertreter vor Ort nannten den Schlingerkurs von Xbox unverhohlen „inkohärent“ und sprachen von sehr großem Zorn in der Belegschaft. Ein Microsoft-Sprecher beschwichtigt offiziell: „Wir haben die Konsultationsphase um einen weiteren Monat verlängert, während wir Optionen prüfen – einschließlich der Suche nach einem Partner, der das Studio bei den noch anstehenden Entwicklungsarbeiten unterstützt.“ Doch ein Kahlschlag wie bei Arkane Austin in Texas lässt sich an der Rhône schlichtweg nicht per Federstrich durchdrücken. Das Team liefert sein stärkstes Argument ohnehin direkt auf der Festplatte.
Ein fertiges Actionspiel entscheidet über das Schicksal
Im Zentrum sämtlicher Angebote steht ein handfester Trumpf, den Schließungskandidaten selten vorweisen können. Trotz des monatelangen Nervenkriegs laufen die Arbeiten an Marvel’s Blade unbeeindruckt weiter. Insidern zufolge ist das Vampir-Abenteuer technisch und inhaltlich so weit vorangeschritten, dass ein Release innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre realistisch bleibt. Käufer erwerben hier kein Sanierungsprojekt mit leerer Pipeline, sondern greifen nach einem fast fertigen Titel mit gewaltiger Lizenzkraft.
Genau dieser Zustand erklärt, warum Jason Schreier eine Schließung inzwischen für extrem unwahrscheinlich hält. „Bei Verhandlungen kann alles passieren, aber zum jetzigen Zeitpunkt wäre ich überrascht, wenn das Studio geschlossen wird“, fasst der Bloomberg-Reporter die Lage zusammen. Die Kombination aus den horrenden Kosten einer Abwicklung und einem marktreifen Actionspiel zwingt Microsoft in die Defensive. Wer Arkane übernimmt, rettet nicht nur ein Team, sondern sichert sich eine der profiliertesten Marken der europäischen Entwicklerlandschaft.
Für die Spieler und das Team markiert dieser Poker dennoch ein unwürdiges Schauspiel. Studios, die für Meisterwerke wie Dishonored oder Deathloop gefeiert wurden, dürfen nicht wie ungeliebte Posten in Quartalsberichten hin- und hergeschoben werden. Sollte Ubisoft oder ein anderer Bieter den Zuschlag erhalten, wäre das die längst überfällige Befreiung aus einem Konzernkorsett, das mit Arkanes kreativer DNA nie wirklich etwas anfangen konnte. Bis zum Stichtag im Dezember bleibt das Bangen – doch die Chancen auf ein Happy End standen selten besser.