Ein Konzern, der traditionsreiche Entwicklerteams jahrelang ohne Folgeprojekt verhungern lässt, schiebt die Schuld am Ende zynisch auf mangelnde Rentabilität. Ubisoft bereitet nach aktuellen Branchenberichten die endgültige RedLynx-Schließung vor und setzt zeitgleich 70 Angestellte beim Support-Riesen in Singapur vor die Tür. Für die finnischen Schöpfer der gefeierten Trials-Reihe endet ein Vierteljahrhundert Studiogeschichte damit auf dem reinsten Abstellgleis.
Der Rotstift zerlegt zwei traditionsreiche Standorte
Das Pariser Management setzt seine radikale Schrumpfkur mit brutaler Konsequenz fort. Ein aktueller Bericht von Video Games Chronicle deckt auf, dass die finnische Traditionsschmiede RedLynx vor der kompletten Abwicklung steht. Insgesamt 52 Arbeitsplätze fallen dem Kahlschlag in Helsinki zum Opfer. Weil der geplante Stellenabbau die gesetzliche Schwelle von 50 Beschäftigten reißt, greifen in Finnland nun verpflichtende Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Belegschaft.
Parallel dazu trifft die Axt das Studio in Singapur, wo rund 70 Entwickler ihre Schreibtische räumen müssen. Der südostasiatische Ableger soll zwar als verlängerte Werkbank für Blockbuster wie Assassin’s Creed erhalten bleiben, verliert aber spürbar an Schlagkraft. Das Management stuft beide Standorte in der aktuellen Aufstellung als nicht mehr tragfähig ein. Statt bestehende Kompetenzen mit neuen Aufgaben zu retten, kappt die Führungsetage kurzerhand die Budgets.
Jahrelanger Stillstand begräbt das finnische Physik-Erbe
Die Begründung für das Ende in Helsinki grenzt an pure Realsatire: RedLynx arbeitet schlicht an keinem einzigen neuen Projekt mehr. Nach dem Erscheinen von Trials Rising im Jahr 2019 ließ der Publisher das finnische Team systematisch verhungern. Statt die geschliffene Zweirad-Physik und die legendäre Community-Kreativität von Trials Evolution weiterzuentwickeln, bürdete Ubisoft dem letzten Serienteil einen absurden Lootbox-Grind auf. Danach degradierte man das Studio zu reinen Hilfsarbeiten wie dem Stadia-Port von The Division 2.
In Singapur zeichnet sich ein ähnlich zermürbendes Schicksal ab. Das Team steckte über ein Jahrzehnt in der berüchtigten Entwicklungshölle von Skull and Bones fest, das Schätzungen zufolge bis zu 850 Millionen US-Dollar verschlang. Nach dem ernüchternden Launch wurde das Studio sofort wieder in die zweite Reihe verbannt. Bereits das Streichkonzert in Winnipeg und Belgrad zeigte, wie radikal die Pariser Chefetage unrentable Satelliten abstößt, sobald die teuren Prestigeprojekte verpufft sind.
Das Management warnt scheinheilig vor eigenem Talentverlust
Der größte Hohn liegt jedoch in Ubisofts eigener Risikobewertung. Der Publisher warnte im eigenen Finanzbericht vor dem Verlust von wichtigem Schlüsselpersonal, setzt aber zeitgleich den nächsten Kahlschlag in Gang. Wörtlich hielt die Chefetage dort fest: „Der plötzliche Abgang von Mitgliedern der Kernteams könnte die Entwicklung der Gruppe schädigen und erhebliche Auswirkungen auf unsere redaktionelle Ausrichtung haben.“ Wer solche Warnungen verfasst und im nächsten Quartal 122 Entwickler entlässt, sabotiert sich selbst.
Die Schließung von RedLynx vernichtet 26 Jahre Branchen-Pioniergeist, der einst mit Browserspielen und Nokia-N-Gage-Titeln begann. Wie die faktische Demontage von Red Storm belegt, droht internen Studios nach jahrelanger Zuarbeit die Ausmusterung. Ubisoft opfert seine geschichtsträchtigsten Teams, um kurzfristig Bilanzen zu schönen. Am Ende bleibt ein Konzern zurück, der vor lauter Restrukturierungen verlernt hat, wie man überhaupt noch eigenständige Spiele baut.