In den Chefetagen großer Publisher dominieren Träume von generativer KI, doch gestandene Industrie-Veteranen vergleichen ihre Werke lieber mit jahrhundertealten Steinmetzarbeiten. Genau diesen Nerv trifft jetzt Matt Radford, ehemaliger VFX-Künstler bei Naughty Dog, mit einer ungeschminkten Prognose über das drohende Aussterben menschlicher Handwerkskunst in der Spielebranche. Für uns Zocker bedeutet dieser Wandel vor allem eines: Wer künftig handgeschnitzte Welten ohne seelenlosen Einheitsbrei erleben will, zahlt dafür mit noch längeren Dürreperioden.
Klassische Handarbeit wandelt sich zum unbezahlbaren Luxusgut
Die Spielebranche steuert mit rasantem Tempo in eine Ära, in der automatisierte Workflows und KI-Tools menschliche Arbeitsstunden drastisch reduzieren sollen. Matt Radford, der als VFX-Künstler an Blockbustern wie The Last of Us und Uncharted 4 mitwirkte, schlägt im Podcast Kiwi Talkz ungewohnt nachdenkliche Töne über diese Entwicklung an. Er sieht die bisherige Form aufwendiger AAA-Produktionen an einem historischen Wendepunkt angelangt, an dem echtes Kunsthandwerk schlicht wegrationalisiert wird.
Im Gespräch zieht er laut einem Bericht von Video Games Chronicle den direkten Vergleich zu historischer Architektur: „Man würde heute keine alte Kathedrale wie den Kölner Dom mehr bauen. Und man wird es nie wieder tun, weil das Talent dafür gar nicht mehr existiert.“ Der Prozess, die nötige Expertise und die Menschen seien längst weitergezogen, modernere und schnellere Bauweisen hätten das Ruder übernommen.
Exakt dasselbe Schicksal prophezeit der Branchen-Veteran nun auch großen Videospielen, sobald Studios die analoge Fleißarbeit flächendeckend durch Software-Routinen ersetzen. Künftige Generationen würden auf frühere Epochen zurückblicken und ehrfürchtig staunen, wie viel echte Schauspielkunst, Skulpturarbeit und Handzeichnung damals in den Projekten steckte. Für Radford markieren handgefertigte Welten schon heute absolute Ausnahmezustände, die unter dem wirtschaftlichen Spardruck moderner Publisher künftig keinen Platz mehr finden.
Der Perfektionswahn frisst sieben Jahre Produktionszeit pro Spiel
Hinter der romantischen Fassade von purer Handarbeit lauert eine brutale wirtschaftliche Realität, die traditionsreiche Studios an den Rand der Erschöpfung treibt. Erst kürzlich rechnete Ex-Designer Benson Russell vor, warum sieben Jahre Entwicklungszeit für ein Studio zwei Jahre zu viel bedeuten. Wenn hunderte hochbezahlte Spezialisten über ein halbes Jahrzehnt lang jeden einzelnen Grashalm manuell texturieren, explodieren die Kosten unweigerlich in schwindelerregende Höhen.
Darsteller wie Tony Dalton preisen zwar regelmäßig die Motion-Capture-Magie bei Naughty Dog, doch dieser extreme Perfektionismus verschlingt gigantische Summen. Radford selbst verweist im Interview darauf, dass Naughty Dog in erster Linie existiert, um teure Konsolen-Hardware für Sony zu verkaufen. Ohne diesen massiven finanziellen Schutzschirm eines Plattform-Inhabers könnte kein gewöhnlicher Publisher auf der Welt diesen irrsinnigen Aufwand überhaupt noch gegenfinanzieren.
Dieser krampfhafte Anspruch, digitale Kathedralen zu errichten, fordert hinter den Kulissen längst einen hohen Tribut von den Angestellten. Bei Naughty Dogs aktuellem Großprojekt stehen bereits handfeste Opfer für den Release 2027 im Raum, weil der selbst auferlegte Perfektionismus mit harten Zeitplänen kollidiert. Die pure Handarbeit wird auf diese Weise nicht nur zum wirtschaftlichen Risiko, sondern zur extremen Zerreißprobe für das gesamte Team.
Intergalactic blockiert jedes neue Uncharted für viele Jahre
Die spürbaren Folgen dieser ausufernden Zyklen schlagen für Spieler mit voller Wucht im Veröffentlichungskalender auf. Seit dem Erscheinen von The Last of Us Part 2 im Jahr 2020 herrscht bei Naughty Dog gähnende Leere bei echten Neuerscheinungen, überbrückt von Remastern und dem gecancelten Multiplayer-Projekt. Das heiß diskutierte Science-Fiction-Epos Intergalactic soll nun frühestens 2027 seinen vollständigen Reveal erhalten, was die Wartezeit auf neue Erlebnisse weiter streckt.
Dieser massive Entwicklungsstau legt gleichzeitig alle anderen populären Marken des kalifornischen Studios für die gesamte Generation lahm. Zwar fachen frische Berichte neue Gerüchte um Uncharted 5 unter der Regie von Shaun Escayg an, doch dieses Vorhaben steht in der internen Pipeline ganz hinten an. Erst wenn das Raumschiff namens Intergalactic sicher im Hafen liegt, können überhaupt die ersten ernsthaften Arbeiten an einer Rückkehr der Schatzsucher beginnen.
Bis wir wieder mit Nathan Drake oder neuen Figuren durch uralte Ruinen turnen, vergeht folglich noch fast ein ganzes Konsolenleben. Radfords Mahnung vor dem Ende der handgebauten Spiele offenbart an diesem Punkt ihre schärfste Pointe: Wenn die Konstruktion eines einzigen Prestige-Werks fast eine Dekade verschlingt, sterben andere Marken in der Zwischenzeit den leisen Hungertod.