Sony begründet das Aus für neue PlayStation-Discs ab Januar 2028 mit „Kundenvorlieben“ – aber niemand, der mit den Zahlen rechnet, glaubt das. Ampere-Analyst Piers Harding-Rolls sagt gegenüber Edge Magazine das, was Sony selbst nie öffentlich sagt: Beim Disc-Ende geht es nicht um Wünsche, sondern um Margen, Lizenzgebühren und einen riesigen Kostenblock, den der Konzern loswerden will. Dass ausgerechnet der Finanzchef im Juli zum ersten Mal kleinlaut über „emotionale Bindungen“ sprach, zeigt, wie sehr Sonys offizielle Erklärung von der internen Kalkulation abweicht.
„Es musste irgendwann passieren“ – Sonys Kostenrechnung
Harding-Rolls zählt vor, warum das Disc-Ende kein Zufall, sondern Logik ist. Jede physische Verkaufsplatte schiebt Umsatz aus Sonys Ökosystem – und die Kosten bleiben am Konzern hängen. „Der Verkauf physischer Spiele drückt mehr Umsatz aus dem Ökosystem von Sony und seinen Publishing-Partnern heraus, und sie sind es, die die Kosten tragen“, so der Analyst. „Keine Gebühr für das Pressen der Disc und den Versand bedeutet: mehr Anteil für Sony und Publisher.“
Die Rechnung dahinter kennt jeder, der je eine Konsole kaufte: Einen physischen Titel produziert, verpackt und verschifft Sony nicht selbst – den Aufwand tragen Publisher und Logistik. Beim digitalen Verkauf über den PlayStation-Store fließen dagegen 30 Prozent direkt an Sony, dazu volle Preiskontrolle über die einzige Storefront. Aus Sonys Sicht ist das Disc-Aus ein simpler Kostenpuffer, den sich der Konzern zwischen PS5 und PS6 zusammenkratzt.
Was die offizielle Sprachregelung verschweigt, ist die komplette Geschäftslogik hinter der Entscheidung. „Kundenvorlieben“ klingt nach Nachfrage, meint aber Angebots- und Kostenpolitik. Sonys eigener Disc-Abschied zeigt die zwei harten Fakten: Die Standard-PS6 bekommt kein Laufwerk, und die Komponentenkosten liegen bei rund 960 Dollar.
Die 1000 Dollar PS6, die niemand zahlen will
Die zweite Sorge des Analysten trifft die Branche im Kern. Der weltweite RAM-Mangel, angeheizt durch KI-Rechenzentren, hat die Konsolenherstellung so verteuert, dass Harding-Rolls offen die Frage stellt, ob sich Next-Gen überhaupt noch zu erschwinglichen Preisen verkaufen lässt. „Der Konsolenmarkt steht vor einer ernsten Situation, denn dieser beispiellose Anstieg der Komponentenkosten untergräbt potenziell die Überlebensfähigkeit des gesamten Sektors“, sagt er.
Sein Warnszenario ist konkret: „Wenn ihr mit einem Gerät für 1000 Dollar auf den Markt kommt, beginnt ihr, euer Publikum deutlich einzuschränken.“ Nicht nur wegen des Preises selbst – auch, weil jede Preissenkung an den harten Margen scheitert. Sonys Antwort darauf ist bereits in Arbeit. Statt auf teure Rohpower setzt das Unternehmen auf Frame Generation und KI-Berechnungen, um die PS6 bezahlbar zu halten. Das Disc-Laufwerk mitsamt Herstellungs- und Lizenzkosten zu streichen, ist Teil genau dieses Spardiktats.
Dabei bleibt eine bittere Wahrheit: Dieses Sparpaket zahlen am Ende die Spieler. Sie verlieren den Kauf gebrauchter Titel, den Tauschhandel und den Besitz im physischen Sinne – und Sony gewinnt die 30-Prozent-Marge auf jeden einzelnen Verkauf.
CFO Lin Tao und der Beigeschmack des Backlashs
Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Finanzchef sich in einem Earnings Call für eine Produktentscheidung rechtfertigen muss. Genau das tat Sonys CFO Lin Tao im Juli, und die Wortwahl verrät den Druck: Sie spricht nicht mehr von Effizienz, sondern von „Emotionen“ und „geliebten Erinnerungen“. „Spiele sind für viele Menschen wichtig. Manche verbinden damit schöne Erinnerungen“, sagte sie und versprach, Sony wolle die „Zukunft des digitalen Ökosystems“ im Dialog mit der Community gestalten.
Die Diskrepanz zwischen öffentlicher und interner Haltung ist kaum zu übersehen. Während der Analyst die Entscheidung als „generationellen Einschnitt“ und pure Kostenrechnung beschreibt, inszeniert Sony sie als Service an die Spieler. Harding-Rolls legt sogar den Zeitpunkt offen: Januar 2028 sei kein Zufall, sondern der „saubere Schnitt“ kurz vor dem PS6-Start. Das Disc-Aus ist Teil des Konsolen-Launchplans.
Die Krux dabei: Sonys jüngste Marktsignale deuten darauf hin, dass die nächste Generation später kommt als geplant – Analysten rechnen inzwischen eher mit Ende 2028. Damit rückt der „saubere Schnitt“ ins Wanken: Wer die Discs ein Jahr vor einem unsicheren Konsolenstart kappt, setzt auf ein Datum, das sich als falsch erweisen könnte. Lin Taos defensive Töne wirken da wie der Versuch, einen Imageschaden zu begrenzen, den die Kalkulation längst verursacht hat.