Fallout ist eine der größten Rollenspiel-Franchises der Welt. Und Obsidian Entertainment, das Studio hinter Fallout: New Vegas, ist seit dem 23. September 2026 offiziell Teil von Bethesda – ein Schritt, der bei vielen Beobachtern die Frage aufwirft, was von der kreativen Eigenständigkeit des Studios übrig bleibt. In einer internen E-Mail, die Aftermath vorliegt, versucht Bethesda-Präsidentin Jill Braff genau diese Angst zu zerstreuen. Sie nennt die Eingliederung „in erster Linie eine Änderung der Berichtsstruktur“. Das klingt harmlos. Es ist die Sprache eines Konzerns, der 25 Prozent der Belegschaft eines Studios abgebaut hat und nun erklärt, warum der Rest bleiben darf.
Ein Memo, das beruhigen soll
Braffs E-Mail ist der Versuch, Kontrolle und Kontinuität in einem Atemzug zu verkaufen. Die Präsidentin schreibt: „Die kreative Identität und die Stärken, die Obsidian einzigartig machen, bleiben der Kern des Studios und seiner Arbeit.“. Feargus Urquhart und das Führungsteam bleiben demnach im Amt – mit einer entscheidenden Änderung: Sie berichten künftig direkt an Braff. Das ist der Kern der „reporting structure“, von der sie spricht. Die Botschaft lautet: Alles bleibt, wie es ist. Nur der Draht nach oben ist ein anderer.
Auf dem Papier behält Obsidian also seine kreative DNA. Die Frage ist, wie viel ein Memo wert ist, wenn die wirtschaftlichen Zahlen eine andere Sprache sprechen. Denn die offizielle Fallout-Roadmap zeigt, dass Bethesda die Franchise fest im Griff hat – und Obsidian darin einen festen, aber klar definierten Platz einnimmt.
Bethesda führt, Obsidian arbeitet
Die entscheidende Passage in Braffs E-Mail steht gleich nach den beruhigenden Worten: „Bethesda Game Studios wird auch weiterhin die Fallout-Franchise führen.“ Das ist keine Nebenbemerkung. Es ist die Ansage, wer das Sagen hat. Obsidian darf mitbauen, aber die Richtung gibt Bethesda vor. Der Satz, dass beide Teams auf „erste Arbeiten an einem neuen Fallout-Projekt laufen bereits“ aufbauen, bestätigt, was bereits seit dem Sommer bekannt ist: Obsidian werkelt an einem neuen Fallout, aber unter Bethesda-Regie.
Diese Rollenverteilung ist keine Überraschung, wenn man die Vorgeschichte kennt. Obsidian hat im Juli rund 25 Prozent seiner Belegschaft verloren. Das Studio hat die verfehlten Verkaufsziele von Avowed und The Outer Worlds 2 nie ganz abschütteln können. Ein Studio, das ums Überleben kämpft, verliert Verhandlungsmacht. Das Memo von Jill Braff ist auch eine Beschreibung dieser neuen Realität.
Ein Konzern im Umbau
Obsidian ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Umbaus. Xbox befindet sich laut eigenen Angaben etwa „three-quarters“ durch eine Restrukturierung, die mit 1.600 Entlassungen begann und im laufenden Fiskaljahr weitere 1.600 folgen lässt. Microsoft hat im Juli 268 weitere Stellen gestrichen und mehrere Teams unter Bethesda und Activision neu geordnet. Wer in diesem Kontext von „kreativer Freiheit“ spricht, meint in erster Linie: Freiheit innerhalb eines vorgegebenen Rahmens.
Die roten Flaggen bei Bethesda sind in den vergangenen Monaten nicht weniger geworden. Die Franchise-Fokussierung, die Xbox-Chefin Asha Sharma als „reset“ bezeichnet, bedeutet für Studios wie Obsidian vor allem eines: weniger eigene Projekte, mehr Arbeit an bestehenden Marken. Die kreative Identität, die Braff beschwört, muss sich erst noch beweisen – im Rahmen einer Franchise, die nicht die eigene ist.
Was von der Freiheit übrig bleibt
Obsidian arbeitet neben dem neuen Fallout auch an Grounded 2, das sich derzeit im Early Access für Xbox Series X/S, PS5 und PC befindet. Das ist ein eigenes Projekt. Es ist aber auch ein kleineres. Die großen Ambitionen – ein Avowed 2, weitere unangekündigte Projekte – wurden im Zuge der Restrukturierung gestrichen. Fallout 5 bleibt unterdessen ein „Fernziel“, wie es heißt. Obsidians neues Fallout muss also die Lücke füllen, während die Zukunft der Marke selbst ungewiss bleibt.
Und dann ist da noch der Arbeitskampf. Die Vorwürfe der Gewerkschaft gegen Bethesda sind nicht ausgeräumt. Ankündigungen am Morgen, Kündigungen am Abend – so beschreiben es die Beschäftigten. Ein Memo, das von Kontinuität spricht, während die Belegschaft um ihre Zukunft bangt, ist kein Beweis für kreative Freiheit. Es ist ein Dokument der Unsicherheit.