Mehr als einen Monat nach der großen Xbox-Entlassungswelle melden sich erstmals zwei Bethesda-Mitarbeiter öffentlich zu Wort. Der Lead Character Artist Alex Nguyen und der Technical Producer Nathan Hahn erklären im Kotaku-Interview, was Microsofts Sparkurs mit dem Studio macht. Ihre Kernaussage: Unter ZeniMax war Entlassen die Ausnahme, heute ist es Routine.
Bethesdas alte Antwort auf Misserfolge: reparieren statt entlassen
Nguyen, der seit Jahren bei Bethesda arbeitet, beschreibt die Zeit vor der Übernahme durch Microsoft als einen Arbeitsplatz mit Zukunft. Entlassungen habe es unter ZeniMax zwar gegeben, aber selten und nie als erste Reaktion. Als Beispiel nennt er die holprigen Starts von Fallout 76 und The Elder Scrolls Online – zwei Releases, die in den ersten Wochen heftig kritisiert wurden. Statt Leute zu entlassen, so Nguyen, habe ZeniMax den Teams Zeit gegeben, die Spiele zu reparieren.
Das ist kein Nostalgie-Geplänkel, sondern eine präzise Beschreibung eines anderen Führungsstils. Und genau daran misst er die Gegenwart: „Seit wir unter Microsoft sind… fühlt es sich an, als hätte sich etwas verändert.“ Wo früher geduldig nachgebessert wurde, greift heute der Rotstift.
Nathan Hahn, seit vier Jahren Technical Producer bei Bethesda Game Studios, zieht den Kreis noch enger. Kündigungen seien nicht nur ein Moralproblem, sondern ein Qualitätsproblem. Sein Satz dazu ist knapp: „Jeder Kollege trägt zum Erfolg unseres Unternehmens bei. Ohne uns sind Bethesda-Spiele keine Bethesda-Spiele.“
Das eigentliche Problem: institutionelles Wissen verschwindet
Der bemerkenswerteste Teil des Interviews ist keine Kritik an Microsoft, sondern eine Beobachtung über die Mechanik des Wissensverlusts. Nguyen beschreibt das Szenario, das jede langjährige Entwicklungsabteilung fürchtet: „Wenn nur fünf Leute wüssten, wie dieses Ding funktioniert, und ihr entlasst alle fünf – das ist ein Moral-Killer, weil wir es ja schon wussten und jetzt wieder lernen müssen.“
Wie wir schon zur ersten Entlassungswelle geschrieben haben, ist genau dieser Verlust das Kernproblem. Bethesdas Werkzeuge sind proprietär, neue Entwickler müssen erst lernen, wie die eigene Engine funktioniert. Ein Mitarbeiter formulierte es dort so: „Sie werden Leute einstellen, um sie zu ersetzen – aber diese Leute müssen eingearbeitet werden. Das führt zu Verzögerungen, und wir werden Crunch schieben.“
Hahn ergänzt in diesem Interview eine brisante Information: Die Gewerkschaft OneBGS habe Microsoft bereits im Februar einen Vorschlag vorgelegt, wie man einen Stellenabbau fair gestalten könnte. Microsoft habe den Vorschlag vier Monate lang liegen lassen, ohne zu antworten – und dann die Entlassungen durchgezogen. Die CWA hat deshalb eine Beschwerde wegen unfairer Arbeitspraxis bei der National Labor Relations Board eingereicht.
„Es ist nicht das mittlere Management“ – Microsofts Erzählung wackelt
Microsoft hatte den Sparkurs als Schlankheitskur für die Firma verkauft. Asha Sharma sprach von einem „Reset„, betonte, es gehe vor allem um Management-Schichten und das Straffen von Entscheidungswegen, damit die Entwicklung schneller und effizienter wird. Nguyen hält dieser Erzählung eine direkte Entgegnung entgegen: „Wir haben Aussagen gesehen, dass ein ganzes Bündel mittleres Management gegangen sei. Es ist nicht das mittlere Management. Es sind die Leute an der Front, die dafür sorgen, dass das Spiel funktioniert und in die Hände der Spieler gelangt.“
Das deckt sich mit dem, was wir in den vergangenen Monaten gehört haben. Bei ZeniMax Online fielen 213 von 300 Stellen weg, bei id Software gingen angeblich mehr als die Hälfte der Mitarbeiter. Das ist keine Verschlankung des Managements – das ist ein Aderlass in der Produktion. Die neue öffentliche Position von Nguyen bestätigt, was Entwickler hinter vorgehaltener Hand längst sagten.
Der Widerspruch zwischen Microsofts Darstellung und der Realität im Studio wird nirgends so sichtbar wie bei der Aktion mit der Riesenratte: Am 12. August besuchte Asha Sharma das Bethesda-Studio, um sich einen frühen Build von The Elder Scrolls 6 anzusehen – während sich vor der Tür Gewerkschaftsmitglieder mit einer meterlangen aufblasbaren Ratte und 800 roten Fähnchen postierten, jedes für einen entlassenen Mitarbeiter. Scabby die Ratte, normalerweise ein Symbol von Streiks, stand plötzlich für einen CEO-Besuch.
Die einen Jubeln, die anderen Trauern
Sharma selbst ließ sich davon nicht die Laune verderben. Sie schrieb nach dem Besuch begeistert über ihren Eindruck vom Spiel: „Live-Playthrough von The Elder Scrolls 6 heute Morgen. Die Größe und Grandeur ist unglaublich. Die Story ist sogar noch besser.“ Dazu gesellte sie eine Zahl von Sternchen – Fans interpretieren seitdem fieberhaft, ob sich daraus der Untertitel des Spiels ableiten lässt.
Das Bild könnte kaum schärfer sein: Oben bejubelt die Chefin das monumentale Epos, unten stellen die eigenen Leute eine Riesenratte vor ihre Tür, um auf den Aderlass aufmerksam zu machen. Wer sich fragt, ob beide Beschäftigungen im selben Unternehmen stattfinden, hat den eigentlichen Zustand von Bethesda im Jahr 2026 verstanden.
Die Antwort von Microsofts Konzernspitze fällt derweil knapp aus. Satya Nadella nannte die Massenentlassungen „notwendige Entscheidungen“, um Xbox langfristig auf Wachstum zu trimmen – ein Ziel, das er bis Ende des Geschäftsjahres 2027 erreichen will.
Die Stimmung verrät, wohin der Spar-Trend führt
Hahn fasst die Lage am Ende des Interviews in zwei Sätzen zusammen, die widersprüchlich wirken und doch zusammenpassen: „Die Moral für unsere Arbeit an unserem Job war noch nie so niedrig. Aber die Moral dafür, was wir gemeinsam erreichen können, steigt.“ Das ist die paradoxe Hoffnung der Gewerkschaftsbewegung: Je schlimmer die Lage, desto stärker der Zusammenhalt.
Für jeden, der auf The Elder Scrolls 6 wartet, ist das keine gute Nachricht. Ein Team, das gerade erfahren hat, dass Loyalität und jahrzehntelange Betriebszugehörigkeit nichts wert sind, entwickelt nicht sein bestes Spiel. Nicht weil es böswillig wäre, sondern weil Motivation und institutionelles Wissen nicht einfach ersetzbar sind. Dass TES6 ohnehin noch mindestens zwei Jahre entfernt ist, war schon vor den Entlassungen die realistische Einschätzung. Jetzt ist sie es umso mehr.