Microsoft leitet den nächsten drastischen Personalschnitt ein und offeriert rund 60.000 Mitarbeitern weltweit einen freiwilligen Ausstieg samt Abfindungspaket. Das sogenannte Voluntary Exit Offer zielt auf Beschäftigte bis zur Karrierestufe 70 ab und betrifft rechnerisch fast 27 Prozent der gesamten Belegschaft. Auch die Gaming-Sparte Xbox bleibt von den massiven Sparvorgaben nicht verschont, während hinter den Kulissen bereits der Verkauf traditionsreicher Studios abgewickelt wird.
Der goldene Handschlag für ein Viertel der Belegschaft
Die Ankündigung trifft zehntausende Schreibtische wie ein Schock und stellt mit einem einzigen internen Rundschreiben mehr als ein Viertel der weltweiten Belegschaft zur Disposition. Microsoft wendet sich mit dem zeitlich befristeten Angebot an Angestellte in den USA, Großbritannien, Kanada und Indien, die bis zur Gehaltsstufe 70 eingruppiert sind. Wer freiwillig unterschreibt und das Unternehmen verlässt, erhält finanzielle Abfindungen und Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung. Laut einem Bericht von CNBC richtet sich das Programm an rund 60.000 Beschäftigte.
Hinter den wohlklingenden Phrasen verbirgt sich eine eiskalte Restrukturierung, die der Konzern im offiziellen Blogbeitrag als Weiterentwicklung früherer Vorruhestandsmodelle anpreist. Die Führungsetage betont, man wolle „mehr Möglichkeiten für Beschäftigte schaffen, ihr nächstes Kapitel zu gestalten“, während das Unternehmen seinen Ansatz für Veränderungen weiterentwickle. Gleichzeitig räumt Redmond ein, dass dieser Vorstoß Neuland darstellt. Es soll „keinen Einheitsansatz für jedes Team oder jeden Mitarbeiter“ geben, doch der Druck zur Verkleinerung ist auf den Fluren greifbar.
Dieser Schritt markiert keinen isolierten Einzelfall, sondern fügt sich nahtlos in die Reihe der massiven personellen Einschnitte ein, die der Konzern seit Monaten vorantreibt. Bereits im vergangenen Jahr verloren rund 9.100 Angestellte ihren Arbeitsplatz. Nun droht eine Zäsur, die selbst langjährige Branchenbeobachter fassungslos zurücklässt, weil sie sämtliche Abteilungen quer durch den Konzern durchkämmen soll. Vor allem die Gaming-Division gerät damit erneut ins Fadenkreuz der Rotstift-Strategen.
Die Gaming-Sparte zahlt die Zeche für verfehlte Milliarden-Wetten
In den Entwicklerteams von Xbox herrscht blankes Entsetzen, denn die Belegschaft hat das jüngste Kürzungsbeben noch nicht einmal ansatzweise verdaut. Xbox-Chefin Asha Sharma verkündete kürzlich den Wegfall von 1.600 Stellen und kündigte weitere 1.600 Entlassungen bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres an. Flankiert wird dieser personelle Aderlass von einer frischen Streichliste, die erst vor wenigen Tagen weitere 268 Beschäftigte traf. Der Druck auf die verbleibenden Teams wächst stündlich, während kreative Projekte unter dem Spardiktat zusammenbrechen.
Um die Bilanzen krampfhaft zu bereinigen, trennt sich der Konzern von renommierten First-Party-Kräften und stößt Teams wie Double Fine, Ninja Theory und Undead Labs schrittweise ab. Wie existenzbedrohend diese Situation für die Kreativen wurde, zeigte sich bereits an Teams wie Compulsion Games und deren Flucht in die Unabhängigkeit, um dem permanenten Kürzungsdruck zu entkommen. Jedes einzelne dieser Studios stand für spielerische Identität, die nun schlicht wegrationalisiert wird.
Für das traditionsreiche Team von Arkane Lyon läuft die Galgenfrist unbarmherzig ab.
Rund 217 Entwickler bangen in Lyon um ihre Existenz, während parallel die Entwicklung von Marvel’s Blade unter Hochdruck weiterläuft. Microsoft bestätigte, dass die Suche nach einem Käufer bis zum 13. Dezember läuft: „Wir haben die Konsultationsphase um einen weiteren Monat verlängert, während wir Optionen prüfen, einschließlich der Suche nach einem Partner, der das Studio bei den noch anstehenden Entwicklungsarbeiten unterstützt.“ Dass ein Team mitten in der Produktion eines Prestige-Projekts verhökert werden soll, entlarvt den realen Zustand des Portfolios.
Wenn Rendite-Ziele die kreative Substanz auffressen
Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und bitterer Realität könnte kaum drastischer ausfallen. Während Konzernchef Satya Nadella den Umbau in Podcasts als großartigen Fortschritt abfeiert, bricht an der Basis das Vertrauen der Entwickler komplett weg. Wer jahrelang Überstunden geschoben und Herzblut in neue Spielwelten gesteckt hat, bekommt nun ein standardisiertes Abfindungsformular serviert. Der Frust über Management-Entscheidungen, die erst Milliarden verbrannten und nun Menschen vor die Tür setzen, sitzt tief.
Dieser Raubbau an Talenten wird die Spieleindustrie noch über Jahre hinweg lähmen. Studios lassen sich nicht wie Server-Instanzen nach Belieben hoch- und herunterfahren, ohne dass Know-how und Visionen für immer verloren gehen. Wer glaubt, mit Abfindungsangeboten für Zehntausende eine gesunde kreative Zukunft aufzubauen, verkennt die Natur moderner Spieleentwicklung, an deren Ende die verheerenden Spuren von Milliarden-Investitionen ohne Ertrag sichtbar werden. Am Ende bleiben ausgedünnte Teams zurück, die unter ständiger Existenzangst die nächsten Großprojekte stemmen sollen.