Electronic Arts hat BioWare dichtgemacht und Mass Effect 5 eingestampft, um das Budget in ein neues Star Wars Battlefront 3 umzuleiten. Der Grund für das brutale Aus nach über drei Jahrzehnten Rollenspiel-Geschichte ist kein kreativer Fehltritt, sondern purer finanzieller Selbsterhalt. Ein gigantischer Schuldenberg zwingt den Konzern nach seiner Privatisierung in berechenbare Lizenzmarken – und opfert dafür das traditionsreichste RPG-Studio der Branche.
Ein Milliarden-Deal mit Lucasfilm verdrängt die Normandy
DICE und Respawn bauen das nächste Battlefront, weil Lucasfilm am Verhandlungstisch den Vorzug vor der eigenen Belegschaft bekam. Wie ein detaillierter Newsletter von Bloomberg des Journalisten Jason Schreier enthüllt, besiegelte eine frische Lizenzvereinbarung das Schicksal von Commander Shepards Nachfolge. Beide Großprojekte hätten dreistellige Millionensummen verschlungen. In den Chefetagen entschied man sich schlicht für die Marke, die bereits Milliarden eingespielt hat.
Dieses Geld existiert bei Electronic Arts schlicht nicht zweimal. Das Studio in Edmonton war nach den Querelen der vergangenen Jahre ohnehin angeschlagen, doch die eigentliche Entscheidung fiel nicht am Reißbrett der Gamedesigner, sondern in den Bilanzen. Für die Belegschaft kam der Einschlag dennoch völlig unvorbereitet, als das Management das traditionsreiche Studio endgültig abwickelte und rund 400 Entwickler auf die Straße setzte.
Hinter den Kulissen ging es dabei um weit mehr als um gewöhnliche Budgetkürzungen zum Quartalsende. Der Publisher vollzieht gerade eine tektonische Verschiebung in seiner Führungsriege, die kreative Experimente im Keim erstickt.
Achtzehn Milliarden Dollar Schulden diktieren das Programm
Der Auslöser für diese eiskalte Selektion liegt in der jüngsten Privatisierung des Publishers. Nach der milliardenschweren Übernahme durch den saudi-arabischen Staatsfonds PIF und dessen Konsortialpartner schleppt der Konzern eine Schuldenlast von satten 18 Milliarden Dollar mit sich herum. Wer solche Zinslasten bedienen muss, streicht jedes Prestige-Projekt zusammen, dessen Profitabilität nicht mathematisch garantiert werden kann.
Genau an diesem Punkt kippte die interne Stimmung gegen das Sci-Fi-Rollenspiel. Lucasfilms Sternenkrieg gilt den Finanzstrategen als „weniger riskante, berechenbarere Wette“, selbst wenn die Produktion hunderte Millionen Dollar verschlingen wird. Ein Mass Effect verlangt jahrelanges Feintuning an verzweigten Quests, Dialogbäumen und komplexen Systemen, ohne die automatische Kaufgarantie eines weltbekannten Film-Franchises im Rücken zu haben.
Dieser Rechenschieber-Ansatz triumphierte vor allem wegen einer tiefgreifenden Demontage in der Führungsebene. Laura Miele, die als langjährige Studio-Präsidentin ihre schützende Hand über BioWare und das Rollenspiel hielt, wurde intern gezielt entmachtet. An ihrer Stelle bestimmen nun Manager wie Cam Weber und David Tinson die Richtung – Funktionäre, die ihren Aufstieg den unaufhörlich sprudelnden Einnahmen aus den Sport-Reihen verdanken.
Wer sein Handwerk an jährlichen Ultimate-Team-Karten poliert hat, versteht eine siebenjährige Entwicklungszeit nicht als Kunst, sondern als inakzeptablen Kostenfaktor. Für das Projekt bedeutete dieser Machtwechsel den Todesstoß: Während zuletzt nur noch rund fünfzig verbliebene Entwickler an dem Konzept feilten, zog die Chefetage den Stecker.
Das beerdigte Rollenspiel und die Illusion von Sicherheit
Dabei war das Team vor Ort dem Ziel näher, als die Chefetage wahrhaben wollte. Die verbliebenen Entwickler arbeiteten an einer Vision, die den Erfolg von Baldur’s Gate 3 und Cyberpunk 2077 aufgreifen sollte. Es ging um echte Konsequenzen, radikale Handlungsfreiheit und den spürbaren Bruch mit alten Konventionen.
Ehemalige Mitarbeiter berichten von Konzepten, die alte Dogmen über Bord werfen und parallele Zeitstränge nutzen sollten, um das widersprüchliche Finale der Original-Trilogie aufzulösen. Unter dem Arbeitstitel Mass Effect: Universe entstand der Entwurf für ein Sci-Fi-Epos, das Larian-Tugenden mit moderner Third-Person-Action verschmelzen sollte. Doch die Konzernspitze stoppte das Vorhaben, noch bevor die Produktion in voller Mannstärke anlaufen durfte.
Ob die Wette auf Star Wars Battlefront 3 für Electronic Arts wirklich aufgeht, steht auf einem ganz anderen Blatt. DICE hat nach dem holprigen Start von Battlefield 2042 mühsam Vertrauen zurückgewinnen müssen, und Respawn ist mit eigenen Projekten bereits massiv ausgelastet. Eine teure Lizenz garantiert noch lange keinen Hit – schon gar nicht bei einer Spielerschaft, die den Pay-to-Win-Skandal des zweiten Teils bis heute nicht vergessen hat.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis eines Managements, das den Wert seiner eigenen Ikonen nicht mehr begreift. BioWare war ein Synonym für Weltenbau, in denen Millionen Spieler ihr Herz verloren haben. Wer ein solches Erbe für die vermeintliche Sicherheit einer Disney-Lizenz opfert, saniert keine Bilanzen, sondern betreibt kreative Insolvenzverschleppung.